Zona Cafetera

( Anfang März 2020) Seit Medellin haben wir das Gefühl, in einem völlig anderen Land zu reisen. Kulturell wird die Gegend südlich von Medellin und das angrenzende „Eje Cafetero“, das „Kaffeedreieck“ der Provinzen Caldas, Risaralda und Quinido, von der Kultur der „paísas“ geprägt. Die Nachfahren zumeist baskischer Einwanderer pflegen ihre kulturellen Wurzeln, leben in weiß getünchten, mit dicken Tonziegeln gedeckten Landhäusern. Die mit kunstvollen Schnitzereien versehenen Fenster und Türen sind gummibärchenbunt  bemalt, die Veranden üppig mit Blumen dekoriert, wenn sie nicht bei Ihren Pferden und Kühen sind, sitzen hier die Männer im Schaukelstuhl. Schnurrbart ist hier keine modische Erscheinung, sondern Tradition, ebenso wie der Poncho und die Gummistiefel zum weißen Cowboyhut.

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In engen Kurven schlängelt sich die Straße den Rücken der Zentralkordilliere hinauf. Wir kommen nur langsam voran, Roger schnauft und raucht, immer wieder halten wir an, lassen die Bremsen abkühlen. So wie uns geht es jedem der Lastwagen auf dieser Strecke und oft herrscht Gedränge auf den schmalen Seitenstreifen. Wiederholt stehen wir im Stau, weil die Straße aufgrund von Bauarbeiten einseitig gesperrt ist. Außer uns scheint das niemanden zu stören. Die Fahrer der anderen LKW steigen aus, lassen sich von den fliegenden Händlern mit Süßigkeiten und „Tinto“, einem schwarzen Kaffee mit viel Zucker, den man in Kolumbien überall an den Straßenrändern kaufen kann, versorgen. Man mag Kolumbianern – vor allem dem weiblichen Teil der Bevölkerung- Heißblütigkeit nachsagen, in Sachen Geduld aber, können sie es mit einem norddeutschen Krabbenfischer aufnehmen. Niemals habe ich in all den Schlangen und Staus jemanden ungeduldig fluchen hören. Zwar wird im fließenden Verkehr gedrängelt und gehupt, steht man aber erstmal, dann entschleunigt in Sekunden der Puls, dann stehen die Fahrer in Gruppen zusammen, scherzen mit den Verkäufern, spannen die Hängematte auf und halten ein Nickerchen. Ein Junge läuft im Zickzack durch die geparkten Fahrzeuge, schlägt mit einem Stock auf die Reifen und teilt den Fahrern gegen ein kleines Trinkgeld mit, ob der Reifendruck zufriedenstellend ist. Es ist Aschermittwoch, viele tragen das Aschekreuz aus dem morgendlichen Gottesdienst auf der Stirn. Selbst evangelisch aufgewachsen, kennen die Kinder diesen Brauch nicht und Max ist entsetzt über das „Stirntattoo“ eines alten Mannes am Wegesrand, bis es nach dem vierten oder fünften „Stirntattoo“ endlich bei mir klickt und ich den Kindern (mit Googles Hilfe) den Sinn dieses Brauches erkläre. Als kurz vor Dämmerung leichter Nieselregen einsetzt, bleiben wir auf dem Parkplatz eines Restaurants auf 2500m stehen. Wir sind nicht lang allein. Nach kurzer Zeit parken die LKW so eng, dass ein breitschultriger Mann nur seitwärts laufend zwischen ihnen hindurch passt. Die Nacht wird frisch. Zum ersten Mal seit vielen Monaten tragen wir wieder Socken und lange Pullis zum Schulunterricht am Morgen. Wir sind keine kühlen Temperaturen mehr gewöhnt. Bei 17 Grad frieren mir die Fingerspitzen ab und ich bibbere wie meine spanische Freundin bei einem Ostseebad.

Am späten Nachmittag erreichen wir Manizales, die oft in Nebelschwaden gehüllte Hauptstadt der Provinz Caldas. Immer wieder von schweren Erdbeben zerstört, bietet der Ort wenig Sehenswertes, liegt aber idyllisch inmitten weitläufiger Kaffeeplantagen. Auf einer Höhe von bis zu 2000m, genau zwischen Medellin und Cali, befindet sich hier das Hauptanbaugebiet des kolumbianischen Kaffees. Seit 2011 ist das „Eje Cafetreo“ UNESCO-Weltkulturerbe, gilt als eines der kulturell reizvollsten Gebiete Kolumbiens, ist touristisch gut erschlossen. Obwohl wir schon viele Kaffeeplantagen gesehen haben, übernachten wir hier auf der angeblich schönsten Plantage der Gegend, quälen uns auf dem Weg dahin durch enge Dörfchen und unter tief hängenden Leitungen hindurch, den Berg hinauf und sind, wie soll es anders sein, enttäuscht. Zu touristisch, zu teuer, unpersönlich. Nach unserer Erfahrung auf der „AgroBerlin“ Kaffeefarm in der Sierra Nevada sind wir zu verwöhnt, um diesen Touristenzirkus länger als eine Nacht auszuhalten und fahren am nächsten Morgen nach der Schule weiter Richtung Santa Rosa de Cabal.

 

Diese kleine Gemeinde, ca 15 km entfernt von Pereira, einer ebenfalls eher schmucklose Kaffeemetropole, liegt an der Westgrenze des „Los Nevados“ Nationalparks. Benannt ist der Nationalpark nach seinen schneebedeckten Gipfeln- „los Nevados“- dem „Ruiz“, dem „Tolima“ und „Santa Isabel“. Man geht davon aus, dass Letztere, wie schon drei weitere Gipfel des Nationalparks, aufgrund des Klimawandels bis 2030 abgeschmolzen sein werden. Der Gipfel des Ruiz ist seit Jahren wegen vulkanischer Aktivität gesperrt. Der Park ist nur wandernd erlebbar, mit dem Auto kommen wir hier nicht weiter. Der Grund für unseren Besuch sind nicht die abenteuerlichen Wanderwege über Lavafelder, durch Nebelwälder und vorbei an versteckten Lagunen, sondern die Thermalquellen von San Vincente und Santa Rosa.

Nahe Santa Rosa finden wir einen perfekten Übernachtungsplatz auf der „Finca Marcelandia“. Zunächst bin ich ein wenig abgeschreckt von Minigolfplatzambiente inklusive lustigen Figürchen in den Beeten und Geranienampeln. Dann aber siegt die Liebenswürdigkeit der Betreiber und wir bleiben ganze 5 Nächte. Die kantigen Berge sind am Morgen nebelumwolkt. Die Sonne lässt sich Zeit aus dieser gemütlichen Bettdecke schlüpfen, auf den saftigen Bergwiesen leuchtet Löwenzahn. Die Sonne kitzelt, statt zu brennen, an weißen Zäune lehnen die Pferdepfleger, winken zum Gruß. „Adrett“ ist das Wort, das diese aufgeräumte, Geranien bepflanzte Gemütlichkeit am besten beschreibt. Mit den hauseigenen Pferden reiten wir aus. Bevor es losgeht, geben wir unsere Versicherungsnummer und Blutgruppe an, werden mit Warnwesten und Helmen ausgestattet, die Jungs bindet man am Cowboysattel fest. Sicherheit wird hier großgeschrieben, mächtig groß, wenn man bedenkt, dass der Ausritt die eingezäunte Hauskoppel hoch und wieder herunter führt.

Unter der Woche ist der Parkplatz des weitläufigen Geländes verwaist, wir sind die einzigen Gäste. Am Wochenende dann kommen die Ausflügler in Schwärmen. Einweiser und Parkwächter sorgen für Ordnung. Kolumbianische Frauen kochen nicht gern am Sonntag und wer es sich leisten kann, macht einen Familienausflug, kehrt zum Mittagessen ein. Auf der Finca Marcelandia kombiniert man diese Form der Mutterfürsorge mit einer der Lieblingsbeschäftigungen kolumbianischer Männer: Angeln. In diversen Zuchtbecken, getrennt nach Arten besteht die Möglichkeit, sein Mittagessen selbst zu fangen und es sich frisch in der Fincaküche zubereiten zu lassen. Ein weiterer Touristenmagnet auf der Finca ist ein amerikanischer Wohnwagen, für Übernachtungen buchbar. Für uns Deutsche völlig normal, für Kolumbianer exotisch. Nicht wenige der Besucher halten Roger für eine weitere Übernachtungsmöglichkeit, liebäugeln mit einer Buchung.

Von Marcelandia wandern wir zu den Santa Rosa Quellen. Bei unserem Aufbruch werden wir gewarnt, unser Hab und Gut zu verschließen und auf jeden Fall die Turnschuhe der Jungen nicht auf der Leiter stehen zu lassen. Das gehe in Kolumbien an den wenigsten Orten, werden wir freundlich gewarnt und denken „das ging bisher immer“. Dass jemand stinkende Turnschuhe klauen könnte, will mir nicht in den Kopf, nicht hier, zwischen friedlich schnaubenden Pferden, dezent plätschernden Forellenbecken, dem Singen der Köchin und den bunt bemalten Blumenampeln.

Unser Weg zu den Thermalquellen von Santa Rosa führt uns durch Regenwald, entlang saftig grüner Wiesen, durch Bambuswälder, vorbei an schmucken Landhäuschen, Wurstbrätereien, kleinen Gasthöfen mit phantastischen Ausblicken über das Bergpanorama, in die uns Männer mit weißen Cowboyhüten zu locken versuchen. Am Straßenrand sitzt unter einem bunt geblümten Sonnenschirm ein gebrechlicher Mann, verkauft mit zahnlosem Lächeln selbstgemachten Käse. Manchmal hält jemand, kurbelt das Fenster herunter, hinter ihm bildet sich eine Schlange. Niemand hupt, keiner überholt. Wenn es um Käse oder Bratwurst kaufen geht, wartet man gern.

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Der Ausblick darauf mit fremden Menschen im warmen Wasser zusammenzusitzen, erfreut mich nur mäßig. Seit einmal ein Mann in einem Spaßbad- Whirlpool neben mir seine Popel ins Wasser geschneutzt hat, kann ich mich in solchen Situationen nur schwer entspannen. Meine Vorfreude hält sich in Grenzen. Die Kinder laufen vorweg, Timm und ich lassen uns Zeit, die Landschaft auf uns wirken zu lassen. Das Gelände der Quellen befindet sich mitten im Wald, umgeben von mit Regenwald bewachsenen Bergen. Von mannshohen Farnen tropft es unablässig, in dichten Moosteppichen sammeln sich glitzernde Perlen, es raschelt, flüstert im Grün- und dann ein Schrei! Paula kommt um die Kurve gerast, zerrt an uns, wir sollen kommen, schneller. Kurz setzt mein Herz ein paar Schläge aus, dann noch ein paar, als wir um die Wegbiegung erreicht haben. Aus knapp 100m stürzt ein Wasserfall den dicht bewachsenen Felsen herab, teilt sich in fünf einzelne Fälle.

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„Wie in einem Disney Film, total unwirklich, oder?“ Paula kann sich gar nicht einkriegen und auch bei Timm und mir dauert es einen Moment, bis wir die Sprache wiedergefunden haben. In den Becken am Fuße des Wasserfalls vergesse ich, dass mir einmal vor vielen Jahren der Rotz eines fremden Mannes in den Bikini getrieben ist, hier kann ich tagelang im Wasser liegen, den Regenwald auf mich rieseln lassen. Besser, da sind wir sicher, kann es nicht werden, und so verzichten wir auf den Besuch der Quellen von San Vincente, kommen lieber am nächsten Tag wieder hierher.

(Leider ist die Speicherkarte meiner Kamera plötzlich nicht mehr lesbar und alle Fotos verloren. Zum Glück haben wir ein paar mit dem Handy gemacht)

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Kolumbien

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