Santa Marta – Medellin

Es ist fünf Uhr morgens. Todmüde stehen die Kinder und ich vor Timms Bett, in meiner Hand ein dampfender Kaffee und ein Geburtstagskuchen. Timm muss früh aufstehen heute, Rogers Federung soll erneuert werden, die Fahrerkabine ist verrutscht und der sechste Gang spring heraus, sowie 16 Bolzen, die den Wohnkoffer tragen, müssen erneuert werden. „Happy Birthday to you…“ , so schön es unsere morgenrauhen Stimmen zulassen singen wir unser Geburtstagslied, Timm öffnet die Augen, lächelt. Jedenfalls bis sein Blick auf den Geburtstagskuchen fällt. Dann wird er schlagartig blass. Sein Blick wird starr, er springt aus dem Bett. „Ich muss kotzen“, höre ich noch, dann fällt die Badezimmertür krachend ins Schloss.

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Eine halbe Stunde später liegt Timm lakenweiß und zitternd im Bett. Ihm stehen Schweißperlen auf der Stirn, gleichzeitig friert er. Ich fühle mich schrecklich ihn und die Kinder so alleine zu lassen, aber in wenigen Minuten wird Leonardo mich abholen, um mit mir zu Roger zu fahren, der außerhalb Santa Martas geparkt ist. Zwei Tage hatten wir schon in einer anderen Werkstatt verbracht, deren Diagnose „Getriebeschaden“ lautete. Nachdem die Werkstattjungs mit ihren Komplimenten Lotta bestürmt und so sehr verunsichert hatten, dass sie das Hotelzimmer nicht mehr verlassen wollte, ist Timm mit rauchenden Reifen und Nasenlöchern in jene Werkstatt gefahren, in der nun Roger wartet.

Ich bin unendlich dankbar, Leonardo zur Seite zu haben. Er sorgt dafür, dass Timm die richtigen Fotos zur richtigen Zeit geschickt werden, spricht mit den Schraubern, fährt mich irgendwann zurück in unser gemietetes Haus, verbringt den ganzen Tag in der Werkstatt, um die Reparaturen zu überwachen. Timms für diesen Abend geplante Geburtstagsfeier müssen wir um einen Tag verschieben, zu wackelig fühlt er sich auf den Beinen. Am nächsten Abend holen wir diese nach, laden Leonardo und seine Familie zu Königsberger Klopsen ein. Am folgenden Morgen dann hängt Timm wieder kotzend über dem Klo. So geht das noch ein paar Tage, auch als wir mit dem reparierten Roger schon längst wieder an unserem Lieblingsstrand stehen, um uns noch ein paar Tage zu erholen. Im Wechsel geht es Timm einen Tag gut, am nächsten wieder hundeelend. Ein verzweifelter Anruf bei Max‘ Patenonkel bestätigt dann meinen Verdacht: Salmonellen. Zum Glück habe ich ein Antibiotikum in Cartagena gekauft und nach ein paar Tagen ist Timm wieder so fit, dass wir an Aufbruch denken können.

Einen Monat sind wir nun schon in Kolumbien, haben uns die ganze Zeit in dem Dreieck Cartagena- Sierra Nevada de Santa Marta- Tayrona bewegt. Es ist nicht leicht, unseren Paradiesstrand zu verlassen, aber so langsam treibt uns die Neugier südwärts.

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Nachdem ein paar Tage vorher die ELN, eine Rebellengruppe, die nach dem Friedensabkommen zwischen der Regierung und der FARC das Machtvakuum ausnutzt, alle nationalen Fernstraßen mit Waffengewalt blockiert hat, sind wir ein bisschen nervös. „Woher“, frage ich Leonardo, „weiß ich, ob die vermummten, Maschinengewehr tragenden Männer Rebellen oder Armee sind?“ Rebellen erkenne man daran, dass sie statt Schnürstiefeln Gummistiefel tragen. Außerdem hätten sie außer dem Maschinengewehr häufig eine Machete dabei und trügen eine Banderole um den Oberarm. Er zeigt uns auf der Karte einen Weg, der als sicher gilt. Ein bisschen mulmig ist mir trotzdem, als wir durch Palmölplantagen, schließlich durch staubige Trostlosigkeit fahren. Es ist unerträglich heiß, an den Straßenrändern rottet Müll, Motorradfahrer, Straßenarbeiter und jeder der sich länger draußen aufhalten muss, ist von Kopf bis Fuß vermummt. Obwohl jegliche Vermummung einzig gegen Hitze schützen soll, trägt sie extrem zu meinem Unwohlsein bei. Noch nie war mir bewusst, wie unheimlich es ist, den Menschen nicht in die Augen blicken zu können. In einem kleinen Dorf parken wir hinter der Tankstelle, die über Nacht bewacht und somit sicher sein soll. Ob es hier am vergangenen Wochenende gefährlich war, ob sie eingeschränkt gewesen sind, fragen wir die Dorfbewohner, die alle paar Minuten anklopfen, um einen Blick in Roger zu erhaschen oder um ein Foto mit uns zu machen. „Wie immer halt“ zucken sie mit den Schultern, überlassen es unserer Phantasie, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist.

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Am nächsten Abend parken wir nach einem langen Fahrtag im Innenhof eines kleinen Hotels, gönnen uns ein Abendessen das wir nicht selber kochen müssen. Und bereuen es sofort. Zu einem gekochten Mittag- oder Abendessen gibt es in Kolumbien meistens eine trübe Hühnersuppe. Wir sind inzwischen daran gewöhnt allerlei wenig appetitliche Dinge wie Hühnerfüße, Hälse und splittrige Knochen zu finden. In dieser Suppe allerdings scheinen auch Innereien unbekannter Herkunft und unbekanntem Verfallsdatums verkocht worden zu sein. Schon beim Geruch schnürt es uns den Hals zu. Um die Köchin nicht zu beleidigen, verfüttern wir die Suppe möglichst unauffällig an die bettelnden Hunde, ebenso den Hauptgang, halten uns ausschließlich an pappige, in ranzigem Fett frittierte Pommes, werfen vor dem Schlafengehen wieder eine Portion homöopathische Oukoubaka- Kügelchen hinterher und bitten die Reisegötter, die Salmonellenvergiftung dieses Mal bitte an uns vorbeiziehen zu lassen.

Auch der nächste Fahrtag zerrt an unseren Nerven. Ich freue mich kurz darüber, dass der Tankwart an einer angefahrenen Tankstelle im Schaukelstuhl sitzt, das ist dann auch schon die größte Freude des Tages. Die Hitze ist kaum zu ertragen, wir giften uns an, sind gereizt und sehen uns nach ein bisschen persönlichem Freiraum. Stattdessen kleben unsere Beine in der Enge der Fahrkabine aneinander, mit jedem Luftzug wabern scheußliche Gerüche um uns. Wir versuchen uns mit ??? Hörspielen abzulenken und ich entwickele einen nie gekannten Hass auf Justus‘ Klugscheißerei, wohl ein sicheres Zeichen, dass mir ein Amoklauf droht, wenn ich nicht bald eine Pause bekomme.

Ungefähr drei Autostunden vor Medellin passieren wir die Hazienda Napolés, das ehemalige Privatkönigreich des Drogenbosses Pablo Escobar. Seit der mächtigste Drogenbaron der Welt 1993 auf der Flucht über den Dächern Medellins von der Polizei erschossen wurde, lag das 28 Quadratkilometer große Anwesen über viele Jahre dschungelüberwuchert in Vergessenheit. Dort wo früher das Tigerbrüllen aus dem Privatzoo die Schreie gefolterter Widersacher übertönte, wo Geschäfte besiegelt wurden, die tausende Menschen ins Unglück rissen, befindet sich seit 2007 ein Freizeitpark. Aus dem Privatzoo Escobars sind in den Jahren der Vernachlässigung einige Flusspferde entkommen, haben sich in der umliegenden Natur ausgewildert und vermehrt und gelten heute als die einzige wild lebende Flusspferdherde außerhalb Afrikas. Auch wenn ich die Flusspferde sehr gerne gesehen hätte, beschließen wir, an der Hazienda vorbeizufahren. Es fühlt sich falsch an, die Legendenbildung zu unterstützen, die spätestens seit der Netflix Serie „Narcos“ in vollem Gange ist. Bis Medellin schaffen wir es nicht, holpern mit dem letzten Tageslicht eine Schotterstraße durch den dichten Dschungel und landen unverhofft im Paradies.

Eingerahmt  von regenwaldbewachsenen Hängen erstreckt sich eine riesige Wiese am Ufer des schönsten Flusses Kolumbiens, dem Río Claro. Er gilt als einer der saubersten Flüsse des Landes, macht seinem Namen alle Ehre. Kristallklar fließt er in seinem Flussbett, dass sich tief zwischen die Marmorklippen gefressen hat. Jegliche Anstrengung ist vergessen, jeglicher Ehrgeiz nach Medellin zu kommen, erstirbt. Drei Tage steht Roger unter dem Blätterdach eines gigantischen Baumes, in dem sich morgens grüne Papageien streiten. Einen Baum weiter brütet ein Toucanpärchen, Nebel legt sich schützend zwischen uns und die sengende Sonne. Unsere einzige Gesellschaft sind eine Herde Kühe, ein paar Schafe, Hühner und Pferde, welche die Wiese um uns kurz halten. Wir kommen zur Ruhe, genießen den Platz, der scheinbar im Überfluss vorhanden ist. Die Kinder bauen Staudämme, strolchen durch den Dschungel, schaukeln an Lianen,  lassen sich mit Surf- und Boogieboard in der Strömung treiben. Schmetterlinge umflattern unsere Füße, Glühwürmchen funkeln im Geäst und das Dschungelorchester fährt mit allem auf, was man an Tönen unter dem Verzeichnis „Dschungel“ auf den weltweiten Geräuschdatenbanken finden kann. Wir buchen eine Raftingtour, umfahren lianen-und farnbewachsene Felswände, vorbei an Grotten, unter einem Wasserfall hindurch, immer umgeben von dichten geheimnisvollen Waldschatten, amazonasgrünem Laubgewimmel. Grün, das durften wir einmal mehr erfahren, ist mehr als eine Farbe. Grün ist Medizin und hilft gegen fast alles von entzündeter Laune, bis zu erhöhtem Kabinendruck, sogar gegen Klugscheißerintoleranz.

Kolumbien

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