Die ersten Kilometer

Von Kiel nach Calais

Wir sind unterwegs! Zermürbende Wochen liegen hinter uns: Abschiede, die letzten Arztbesuche, die Millionen kleinen Dinge, die man bedenken muss, wenn man sich auf eine lange Reise begibt und das Leben zu Hause ohne einen weiterlaufen muss. Wir mussten uns von unseren Tieren- den Hühnern, Schafen, Schweinen, dem Pfau der Katze, den Kaninchen und Meerschweinchen- verabschieden, konnten glücklicherweise für alle ein schönes neues Zuhause finden. Wir haben den Hof so vorbereitet, daß er für die, die sich nun um in kümmern, einen minimalen Aufwand bedeutet. Job und Schule mussten so organisiert werden, daß wir unterwegs nicht gestresst sein müssen, Visas, Krankenversicherungen, KfZ Versicherung mussten beantragt werden und dann hatten wir bis zum Schluß eine Baustelle, ohne deren Beendigung wir nicht hätten aufbrechen können: Roger- unseren Reisepanzer. Ein Jahr zuvor hatten wir ihn, so gut wie fertig ausgebaut gekauft. Ein paar kleine Änderungen wollten wir vornehmen, damit wir zu sechst bequem darin Platz finden können. Leider allerdings stellte sich der Wohnkoffer als so marode heraus, dass wir ihn komplett abreißen und einmal von vorne beginnen mussten. Dieser Rückschlag führte dazu, dass wir nicht, wie geplant im Januar 2018, sondern erst jetzt, am 15.Juli 2018 aufbrechen konnten ( mehr dazu unter der Rubrik „ Das Auto“).

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15.7.2018: Nach einem letzten Rundgang durch das Haus stehen wir vor dem fertig gepackten Reisepanzer. Haben wir wirklich nichts vergessen? Wieder und wieder versuche ich die inzwischen verinnerlichte Liste nach nicht abgehakten Positionen zu durchkämmen, nirgends bleibe ich hängen. In meinem Kopf ist nichts, an dem Gedanken hätten hängen bleiben können-er ist leer. Wir alle haben so viel geredet, gedacht und geweint in den letzten Tagen, dass nun nichts mehr ist als Leere. Freunde und Familie sind gekommen um uns noch einmal in den Arm zu nehmen, uns gute Wünsche mit auf den Weg zu geben.

Um Punkt zwölf rollen wir, ganz planmässig, schluchzend vom Hof. Es ist kein freudiger Moment, ganz und gar nicht so, wie wir ihn uns seit 4 Jahren, als wir uns versprachen diese Reise zu machen, ausgemalt hatten.

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Die ersten 30 Kilometer rollen wir herzgebrochen in unser neues Leben, dann gibt es an der Tanke Kaffee, Chips und kalte Getränke und die Erkenntnis, daß wir nun das Allerschlimmste hinter uns haben, haut uns aus den FlipFlops. Aus Erfahrung wissen wir, daß es nicht die Höhen und Tiefen des Reisens sind, an denen man am ehesten zerbricht. Es sind die Vorbereitungen, die Abschiede und das emotionale Auf und Ab der letzten Wochen. Die liegen nun hinter uns- und vor uns liegt die FREIHEIT.

Unser erstes Ziel ist es, die Elbe zu überqueren. Südlich der Elbe hört Heimat auf, so weit müssen wir kommen, um wirklich weg zu sein. Gefahrene Kilometer und Zeit stehen hier in einem sehr ungünstigen Verhältnis, wir stehen stundenlang im Stau an der Elbfähre Wischhafen, eingekeilt zwischen frisch gewaschenen Hymermobilen. Irgendwie hatten wir uns Freiheit rebellischer vorgestellt. Um unserer Vorstellung zumindest ein bisschen mehr zu entsprechen, sitzen die Kinder auf der Dachbank und spucken in die leichte Brise.

Die Nacht verbringen wir auf einem Wohnmobilstellplatz direkt am Fähranleger in Wischhafen, blicken auf die Elbe, auf friedlich grasende Kühe und lauschen dem cholerischen Schäfer, wie er sein Leitschaf „Jule“ zur Schnecke macht. Norddeutsche Idylle, das letzte Mal für wohl recht lange. Die erste Nacht schlafen wir tief und fest, geniessen den ersten Morgenkaffee unserer Reise auf der Dachbank mit Elbblick.

Tag zwei ist ein Fahrtag, wir schaffen es gerade bis hinter die niederländische Grenze. In einem neuen Land zu sein erfüllt uns immerhin ein wenig mit dem Gefühl, eine Etappe erreicht zu haben. Die Autobahnen sind ferienvoll, wir fahren höchstens 90km/h, unser Reisepanzer schaukelt wie ein Schiff. Und trotzdem ist die Stimmung prima. Die Kinder können sich in der Fahrerkabine sowie im Wohnkoffer relativ frei bewegen. Immer wieder verschwindet jemand zum Schlafen, lesen oder Hörbuch hören in seiner Kabine. Alles fühlt sich neu und aufregend an, wir können während der Fahrt aufs Klo gehen, Schokolade aus dem Kühlschrank holen, die Kinder können Monopoly und Lego spielen. Verglichen mit der Art wie wir uns vor fünf Jahren mit unserem Defender Django durch Afrika gekämpft haben, ist das hier eine Kreuzfahrt. Die Nacht verbringen wir auf einem kleinen privaten Campingplatz in der Nähe von Enschede, zwischen holländischen Rentnern. Wir haben eine Schwäche für Holländer- einige unserer Lieblingsmenschen entstammen dieser Nation. Hört man Holländern beim Sprechen zu, denkt man die Welt ist ein guter, ein gemütlicher Ort, ein Platz an dem nichts schief gehen kann. Holländisch erinnert an Taubengurren, klingt nach Gelb und Sonntagskuchen.

Tag drei ist wieder ein Fahrtag-und irgendwann auch ein neues Land: Belgien. Sicherlich gäbe es vieles zu sehen auf dem Weg nach Calais, aber wir beschliessen, so schnell wie möglich nach England zu kommen. „So schnell wie möglich“ ist langsam. Die Autobahnen sind voll, wir schaukeln auf der ganz rechten Spur durch vergilbte Sommerlandschaft, werden reihenweise von LKWs überholt. Unser Ziel ist Oostende, eine Stadt am Meer, in das wir am Ende des Tages zu springen planen. Als wir am späten Nachmittag ankommen, glitzert die Sonne auf dem erstaunlich warmen Atlantik, ein leichter Wind weht und das Meeresrauschen versetzt uns sofort in einen Entspannungsmodus. Wir finden einen vielleicht nicht ganz erlaubten Parkplatz direkt an der Promenade, mit Blick auf den endlosen Strand. Roger wird zum Strandhaus, wir machen das große Fenster auf, lassen den frischen Wind herein und ab und zu einen neugierigen Blick. Roger bekommt viel Aufmerksamkeit. Erst langsam gewöhnen wir uns daran. Immer sind die Reaktionen freundlich und positiv, oft sehr interessiert. Nur ist uns nicht immer nach Smalltalk, besonders nicht nach einem langen Fahrtag. Am nächsten Morgen blicke ich nicht, wie geplant als allererstes auf Meer, sondern in das Gesicht eines freundlichen Müllmannes. Vielleicht mache ich in Zukunft doch die Gardinen zu.

Von Oostende fahren wir weiter Richtung Calais, passieren die Landesgrenze zu Frankreich. Bevor wir nach England kommen, wo ja, wie man sagt dass Essen nicht so doll sein soll, möchte ich noch einmal unsere Vorräte in Frankreich auffrischen. Ganze 1,5 Stunden verbringen wir in einem riesigen Supermarkt zwischen gängeweise Käse, Salami, kaufen natürlich ofenwarmes Baguette. Die Jungs bekommen einen Fussball. Während ich das Mittagessen zubereite, geht Timm in den Baumarkt nebenan, um einen Wasserfilter zu besorgen, da aus unserem Wasserhahn merkwürdige rostbraune und graue Flocken kommen, die wahrscheinlich einer Ablagerung im Wassertank entstammen. Flocken ähnlicher Farbe aber anderen Ursprungs drängen sich auch durch den Abwasserschlauch im Bad, nachdem unser Duschkorb samt Inhalt auf die Steckverbindung geknallt ist und diese nun leckt.

Drei Stunden später ist alles repariert und wir stehen zwischen den LKWs an der Fähre nach Dover an. Die Überfahrt dauert nur 1,5 stunden, dann leuchten uns die weissen Felsen entgegen, wieder finden wir einen Parkplatz direkt am Wasser, kochen schnell ein paar Spaghetti, und  gehen früh ins Bett, freuen uns darauf England zu entdecken.

Europa

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