Santa Marta – Medellin

Es ist fünf Uhr morgens. Todmüde stehen die Kinder und ich vor Timms Bett, in meiner Hand ein dampfender Kaffee und ein Geburtstagskuchen. Timm muss früh aufstehen heute, Rogers Federung soll erneuert werden, die Fahrerkabine ist verrutscht und der sechste Gang spring heraus, sowie 16 Bolzen, die den Wohnkoffer tragen, müssen erneuert werden. „Happy Birthday to you…“ , so schön es unsere morgenrauhen Stimmen zulassen singen wir unser Geburtstagslied, Timm öffnet die Augen, lächelt. Jedenfalls bis sein Blick auf den Geburtstagskuchen fällt. Dann wird er schlagartig blass. Sein Blick wird starr, er springt aus dem Bett. „Ich muss kotzen“, höre ich noch, dann fällt die Badezimmertür krachend ins Schloss.

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Eine halbe Stunde später liegt Timm lakenweiß und zitternd im Bett. Ihm stehen Schweißperlen auf der Stirn, gleichzeitig friert er. Ich fühle mich schrecklich ihn und die Kinder so alleine zu lassen, aber in wenigen Minuten wird Leonardo mich abholen, um mit mir zu Roger zu fahren, der außerhalb Santa Martas geparkt ist. Zwei Tage hatten wir schon in einer anderen Werkstatt verbracht, deren Diagnose „Getriebeschaden“ lautete. Nachdem die Werkstattjungs mit ihren Komplimenten Lotta bestürmt und so sehr verunsichert hatten, dass sie das Hotelzimmer nicht mehr verlassen wollte, ist Timm mit rauchenden Reifen und Nasenlöchern in jene Werkstatt gefahren, in der nun Roger wartet.

Ich bin unendlich dankbar, Leonardo zur Seite zu haben. Er sorgt dafür, dass Timm die richtigen Fotos zur richtigen Zeit geschickt werden, spricht mit den Schraubern, fährt mich irgendwann zurück in unser gemietetes Haus, verbringt den ganzen Tag in der Werkstatt, um die Reparaturen zu überwachen. Timms für diesen Abend geplante Geburtstagsfeier müssen wir um einen Tag verschieben, zu wackelig fühlt er sich auf den Beinen. Am nächsten Abend holen wir diese nach, laden Leonardo und seine Familie zu Königsberger Klopsen ein. Am folgenden Morgen dann hängt Timm wieder kotzend über dem Klo. So geht das noch ein paar Tage, auch als wir mit dem reparierten Roger schon längst wieder an unserem Lieblingsstrand stehen, um uns noch ein paar Tage zu erholen. Im Wechsel geht es Timm einen Tag gut, am nächsten wieder hundeelend. Ein verzweifelter Anruf bei Max‘ Patenonkel bestätigt dann meinen Verdacht: Salmonellen. Zum Glück habe ich ein Antibiotikum in Cartagena gekauft und nach ein paar Tagen ist Timm wieder so fit, dass wir an Aufbruch denken können.

Einen Monat sind wir nun schon in Kolumbien, haben uns die ganze Zeit in dem Dreieck Cartagena- Sierra Nevada de Santa Marta- Tayrona bewegt. Es ist nicht leicht, unseren Paradiesstrand zu verlassen, aber so langsam treibt uns die Neugier südwärts.

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Nachdem ein paar Tage vorher die ELN, eine Rebellengruppe, die nach dem Friedensabkommen zwischen der Regierung und der FARC das Machtvakuum ausnutzt, alle nationalen Fernstraßen mit Waffengewalt blockiert hat, sind wir ein bisschen nervös. „Woher“, frage ich Leonardo, „weiß ich, ob die vermummten, Maschinengewehr tragenden Männer Rebellen oder Armee sind?“ Rebellen erkenne man daran, dass sie statt Schnürstiefeln Gummistiefel tragen. Außerdem hätten sie außer dem Maschinengewehr häufig eine Machete dabei und trügen eine Banderole um den Oberarm. Er zeigt uns auf der Karte einen Weg, der als sicher gilt. Ein bisschen mulmig ist mir trotzdem, als wir durch Palmölplantagen, schließlich durch staubige Trostlosigkeit fahren. Es ist unerträglich heiß, an den Straßenrändern rottet Müll, Motorradfahrer, Straßenarbeiter und jeder der sich länger draußen aufhalten muss, ist von Kopf bis Fuß vermummt. Obwohl jegliche Vermummung einzig gegen Hitze schützen soll, trägt sie extrem zu meinem Unwohlsein bei. Noch nie war mir bewusst, wie unheimlich es ist, den Menschen nicht in die Augen blicken zu können. In einem kleinen Dorf parken wir hinter der Tankstelle, die über Nacht bewacht und somit sicher sein soll. Ob es hier am vergangenen Wochenende gefährlich war, ob sie eingeschränkt gewesen sind, fragen wir die Dorfbewohner, die alle paar Minuten anklopfen, um einen Blick in Roger zu erhaschen oder um ein Foto mit uns zu machen. „Wie immer halt“ zucken sie mit den Schultern, überlassen es unserer Phantasie, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist.

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Am nächsten Abend parken wir nach einem langen Fahrtag im Innenhof eines kleinen Hotels, gönnen uns ein Abendessen das wir nicht selber kochen müssen. Und bereuen es sofort. Zu einem gekochten Mittag- oder Abendessen gibt es in Kolumbien meistens eine trübe Hühnersuppe. Wir sind inzwischen daran gewöhnt allerlei wenig appetitliche Dinge wie Hühnerfüße, Hälse und splittrige Knochen zu finden. In dieser Suppe allerdings scheinen auch Innereien unbekannter Herkunft und unbekanntem Verfallsdatums verkocht worden zu sein. Schon beim Geruch schnürt es uns den Hals zu. Um die Köchin nicht zu beleidigen, verfüttern wir die Suppe möglichst unauffällig an die bettelnden Hunde, ebenso den Hauptgang, halten uns ausschließlich an pappige, in ranzigem Fett frittierte Pommes, werfen vor dem Schlafengehen wieder eine Portion homöopathische Oukoubaka- Kügelchen hinterher und bitten die Reisegötter, die Salmonellenvergiftung dieses Mal bitte an uns vorbeiziehen zu lassen.

Auch der nächste Fahrtag zerrt an unseren Nerven. Ich freue mich kurz darüber, dass der Tankwart an einer angefahrenen Tankstelle im Schaukelstuhl sitzt, das ist dann auch schon die größte Freude des Tages. Die Hitze ist kaum zu ertragen, wir giften uns an, sind gereizt und sehen uns nach ein bisschen persönlichem Freiraum. Stattdessen kleben unsere Beine in der Enge der Fahrkabine aneinander, mit jedem Luftzug wabern scheußliche Gerüche um uns. Wir versuchen uns mit ??? Hörspielen abzulenken und ich entwickele einen nie gekannten Hass auf Justus‘ Klugscheißerei, wohl ein sicheres Zeichen, dass mir ein Amoklauf droht, wenn ich nicht bald eine Pause bekomme.

Ungefähr drei Autostunden vor Medellin passieren wir die Hazienda Napolés, das ehemalige Privatkönigreich des Drogenbosses Pablo Escobar. Seit der mächtigste Drogenbaron der Welt 1993 auf der Flucht über den Dächern Medellins von der Polizei erschossen wurde, lag das 28 Quadratkilometer große Anwesen über viele Jahre dschungelüberwuchert in Vergessenheit. Dort wo früher das Tigerbrüllen aus dem Privatzoo die Schreie gefolterter Widersacher übertönte, wo Geschäfte besiegelt wurden, die tausende Menschen ins Unglück rissen, befindet sich seit 2007 ein Freizeitpark. Aus dem Privatzoo Escobars sind in den Jahren der Vernachlässigung einige Flusspferde entkommen, haben sich in der umliegenden Natur ausgewildert und vermehrt und gelten heute als die einzige wild lebende Flusspferdherde außerhalb Afrikas. Auch wenn ich die Flusspferde sehr gerne gesehen hätte, beschließen wir, an der Hazienda vorbeizufahren. Es fühlt sich falsch an, die Legendenbildung zu unterstützen, die spätestens seit der Netflix Serie „Narcos“ in vollem Gange ist. Bis Medellin schaffen wir es nicht, holpern mit dem letzten Tageslicht eine Schotterstraße durch den dichten Dschungel und landen unverhofft im Paradies.

Eingerahmt  von regenwaldbewachsenen Hängen erstreckt sich eine riesige Wiese am Ufer des schönsten Flusses Kolumbiens, dem Río Claro. Er gilt als einer der saubersten Flüsse des Landes, macht seinem Namen alle Ehre. Kristallklar fließt er in seinem Flussbett, dass sich tief zwischen die Marmorklippen gefressen hat. Jegliche Anstrengung ist vergessen, jeglicher Ehrgeiz nach Medellin zu kommen, erstirbt. Drei Tage steht Roger unter dem Blätterdach eines gigantischen Baumes, in dem sich morgens grüne Papageien streiten. Einen Baum weiter brütet ein Toucanpärchen, Nebel legt sich schützend zwischen uns und die sengende Sonne. Unsere einzige Gesellschaft sind eine Herde Kühe, ein paar Schafe, Hühner und Pferde, welche die Wiese um uns kurz halten. Wir kommen zur Ruhe, genießen den Platz, der scheinbar im Überfluss vorhanden ist. Die Kinder bauen Staudämme, strolchen durch den Dschungel, schaukeln an Lianen,  lassen sich mit Surf- und Boogieboard in der Strömung treiben. Schmetterlinge umflattern unsere Füße, Glühwürmchen funkeln im Geäst und das Dschungelorchester fährt mit allem auf, was man an Tönen unter dem Verzeichnis „Dschungel“ auf den weltweiten Geräuschdatenbanken finden kann. Wir buchen eine Raftingtour, umfahren lianen-und farnbewachsene Felswände, vorbei an Grotten, unter einem Wasserfall hindurch, immer umgeben von dichten geheimnisvollen Waldschatten, amazonasgrünem Laubgewimmel. Grün, das durften wir einmal mehr erfahren, ist mehr als eine Farbe. Grün ist Medizin und hilft gegen fast alles von entzündeter Laune, bis zu erhöhtem Kabinendruck, sogar gegen Klugscheißerintoleranz.

Die Hüter der Welt: Zu Besuch bei den Kogui Indianern

Die Welt ist schön! Je mehr wir von ihr sehen dürfen, desto hungriger werden wir auf mehr, desto brennender wird der Wunsch, so viel wie möglich von ihr zu sehen, bevor wir sie eines Tages verlassen müssen. Es sind jedoch nicht nur die Wunder, die uns berühren, es sind vor allem auch ihre Wunden. Unsere Welt leidet, sie ist an manchen Stellen so krank, dass wir ihr beim Sterben zusehen konnten. Auf unserer Reise haben wir ausnahmslos in jedem einzelnen Land die Auswirkungen unseres Handelns gesehen: Sterbende Wälder in Kanada, Brände in Kalifornien, Karibikstrände die unter Sargassumteppichen ersticken in Mexiko, sterbende Korallenriffe in Belize, faulende Gewässer in Zentralamerika, Müllberge in Kolumbien…

Die Welt stirbt vor unseren Augen, sie schreit scheinbar stumm. Die Kogui aber hören diese Schreie. Sie fühlen und hören das Leiden, und das, obwohl sie die Orte, die wir gesehen haben, noch nie besucht haben, obwohl sie keinen Fernseher haben, eher wenig Zeitung lesen. An dem, was sich unmittelbar vor ihren Augen abspielt allerdings können sie erkennen, dass die Welt leidet, dass sie langsam zugrunde geht. Schöpferin der Erde ist die „große Mutter“, sie hat dem „großen Bruder“ aufgetragen, aufzupassen. Nur die großen Brüder wissen um das Geheimnis des Lebens, warum alles entsteht, wächst und letztendlich stirbt. Die Kogui verstehen sich als der „große Bruder“, wir sind der „kleine Bruder“, der vor langer Zeit den Stamm über das große Wasser verlassen hat. Mit unserem Auszug haben wir viel vergessen und verlernt. Wir kennen heute nur noch unsere eigenen Gesetze.

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Als Hüter der Erde, sehen sich die Kogui verantwortlich dafür, die Natur im Gleichgewicht zu halten- eine Aufgabe, die fast unmöglich erscheint. Seit Jahren warnen sie uns Industriestaaten, dass wir Mutter Erde zerstören, dass wir aufhören müssen, sie so zu quälen. Für die Kogui ist die Natur ein lebender Organismus und wie beim menschlichen Körper ist alles mit allem verbunden, die Seen sind Augen, die Flüsse Adern, in der Sierra Nevada de Santa Marta schlägt das kosmische Herz. Ist eine Stelle krank, dann wirkt sich das auf den Gesamtorganismus aus. Unsere Eingriffe bringen die Welt aus dem Gleichgewicht. Besonders schlimm ist es, wenn sensible Orte beschädigt werden. Oft sind das Stellen mit geologischer Besonderheit, Stellen an denen die Kogui besonders gut mit der Erdenergie in Kontakt treten können, die auf den Planeten  bezogen ähnlich wirken, wie Akupunkturpunkte im menschlichen Körper. Wenn es irgendwo auf der Welt Wirbelstürme, Trockenheit oder Hungersnot gibt, ist dies für die Kogui ein Zeichen für ihr Versagen, die Welt im Gleichgewicht zu halten. Seit Jahrhunderten wird das Wissen um diese heiligen Stellen und ihre Wirkung, über Tänze und Zeremonien mündlich weitergegeben. Um das Gleichgewicht zu erreichen, werden an den heiligen Stätten Gaben erbracht, damit der Erde zurückzugeben werden kann, was ihr entnommen wurde. Die Botschaft der Kogui an uns ist simpel und eindringlich: Wir müssen aufhören, der Erde mehr zu entnehmen, als wir zurückgeben könne, wollen wir sie am Leben halten. Noch ist es nicht zu spät, noch ist die Erde fruchtbar, hat genug Kräfte wieder zu heilen. Aber die Zeit drängt, ist sie erst trocken und unfruchtbar, können wir nichts mehr tun.

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Inzwischen ist diese Botschaft auch in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Greta und Fridays for Future sprechen eine deutliche Sprache. Die Kogui sind eines der letzten Völker unserer Erde, das sich trotz des Kontaktes mit uns „zivilisierten“ Menschen ihre ursprüngliche Lebensweise erhalten haben. Sie haben sich nicht von den Errungenschaften der Moderne beeinflussen lassen. Obwohl sie nicht reisen und vernetzt sind wie wir, obwohl sie sich in die Abgeschiedenheit zurückziehen, ist ihnen der Zustand unserer Welt in allen Dimensionen bewusst. Das rüttelt ziemlich an mir.

Das spirituelle Oberhaupt der Kogui ist der Máma. Seine Aufgabe ist es, die natürliche Ordnung durch Gesänge, Meditation und Opfergaben zu erhalten. Die Ausbildung zum Máma beginnt im Kindesalter und dauert bis zum 18. Lebensjahr. Die jungen Männer werden in die Berge gebracht, wo man ihnen beibringt, über die natürliche und spirituelle Welt zu meditieren und in eine besondere Beziehung zu Mutter Erde zu treten. Würde man den Vergleich zu der westlichen Kultur ziehen, wäre ein Máma Priester, Lehrer und Arzt – alles in einer Person. Um die weltlichen Belange des Stammes, wie Straßen-und Brückenbau, um kommunale, rechtliche, auch um strafrechtliche Fragen kümmert sich der jefe civil, eine Art Bürgermeister. Mit ihm muss Carlos über unseren Besuch verhandeln. Nach wie vor sind kamerabeladene Touristen bei den Koguis nicht willkommen und wir sind hin-und hergerissen zwischen dem Gefühl Eindringlinge zu sein und dem Wunsch, mehr von den Kogui zu erfahren.

Früh am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg. Roger wird den Weg ins Koguidorf dieses Mal nicht bezwingen können und wir lassen ihn bewacht in Palmor zurück. Stattdessen fährt uns ein Fahrer, Leonardo, mit dem Geländewagen. Durch dichten Dschungel, über ausgewaschene Pisten, über dicke Gesteinsbrocken, auf Wegen, die nur selten ein Auto befährt, führt unser Weg die Berge hinauf. Ein umgestürzter Baum liegt quer auf der Straße, ein Stück gerade so groß, dass wir hindurch passen, ist herausgesägt. Auf halbem Weg passieren wir einen alten Koguimann, der, seine Ernte in Palmor abgeliefert, wieder auf dem Rückweg in sein Dorf ist. Die Maultiere, nun von ihrer Last befreit, laufen vorweg, kennen den Weg, knabbern am Wegesrand am satten Grün. Sechs Stunden dauert der Fußmarsch, berichtet Carlos. Dem Kogui ist das nicht anzusehen, sein Schritt wirkt mühelos.

 

Im Dorf angekommen, müssen wir zunächst im Auto warten. Carlos steigt aus, überreicht in einem Begrüßungsritual unsere Gastgeschenke: Nahrungsmittel und Schulmaterialien. Durch die getönten Scheiben versuchen wir, einen Blick auf die Kinder zu erhaschen, die scheu Abstand halten, aber neugierig in unsere Richtung blicken. Das Dorf „Zetaminaka“ ist das Hauptdorf der Koguigemeinde. Es ist Verkehrsknotenpunkt, hier enden alle Straßen, von hier geht es nur noch zu Fuß weiter. 100 Personen, ungefähr 20 Familien leben hier, verbringen allerdings einen Großteil des Jahres auf ihren höher gelegenen Fincas, wo sie Landwirtschaft betreiben. Sie leben von dem, was sie anbauen und vom Tauschhandel. Es ist still im Dorf, trotz der spaltbreit heruntergelassenen Fenster gelangt kaum ein Geräusch zu uns. Die Kinder geben kaum einen Laut von sich, außer einem vorlauten Hahn und unserem Herzschlag hören wir nichts. Wir sind aufgeregt und ungeduldig. Werden wir willkommen sein oder wird man uns nur misstrauisch beäugen? Endlich, nach fast 20 Minuten taucht Carlos mit einem Koguimann, der ihm gerade bis zur Schulter reicht, hinter einer der Rundhütten auf. Er bedeutet uns, auszusteigen.

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Der Mann zu seiner Seite stellt sich uns als Martín vor. Das ist sein spanischer Name, der Name, den er nutzt, wenn er mit dem „kleinen Bruder“ kommuniziert. Martín scheint der einzige Mann weit und breit zu sein, außer einer Schar Kinder und vier Frauen wirkt das Dorf verlassen. Die meisten, so sagt Martín, befinden sich auf den Fincas in den umliegenden Hängen. Hier im Dorf sind nur die Kinder, die zu klein sind, um auf den Fincas zu helfen oder die zur Schule gehen, welche sich etwas abseits des Dorfes befindet. Schüchtern lächele ich in die Runde, werde aus unbewegten Gesichtern angesehen. Keine der Frauen lächelt zurück, die Kinder weichen meinem Blick aus. Etwas unsicher trippeln wir auf der Stelle, sind alle froh, als Martín vorschlägt, uns das Dorf zu zeigen.

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Zwischen ungefähr 20 runden, strohgedeckten Hütten scharren Hühner im Staub, eine Schweinemutter mit zwei kleinen Ferkeln liegt in der Sonne. Die Hütten, so erklärt Martín, verraten schon von außen, wer ihn ihnen wohnt. Gehören sie zu einem höheren Würdenträger des Stammes, sind die Wände von außen mit aufwändig geflochtenen Palmenmatten geschmückt, die der einfachen Familien bestehen aus Lehm und Zweigen. Die größte der Hütten, im Zentrum des Dorfes ist die Versammlungshütte der Männer. Frauen ist der Zutritt nicht gestattet. Ihre Zusammenkünfte beschränken sich auf die kommunale Küche oder den Waschplatz, an dem sie gemeinschaftlich dem Staub in der blendend weißen Kleidung zu Leibe rücken. Versammeln sich die Männer in Ihrer Hütte, dauern Beratungen nicht selten die ganze Nacht. Um wach zu bleiben, kauen sie Kokablätter. Das Blatt der Kokapflanze spielt eine zentrale Rolle im täglichen Leben und wird bei Opfergaben und Zeremonien eingesetzt. Frauen ist das Kauen der heiligen Blätter nicht gestattet, treffen zwei Männer aufeinander, begrüßen sie sich nicht wie bei uns mit Handschlag, sondern tauschen als Zeichen des gegenseitigen Respekts eine Handvoll Kokablätter aus. Jeder Koguimann trägt drei kunstvoll gewebte Taschen, Mochillas genannt, mit sich: eine große auf dem Rücken für alles, was zu tragen ist, eine kleine auf der Brust in der sich getrocknete Kokablätter befinden, und eine für den Popurro, den wichtigsten Besitz eines Koguimannes, um den sich viel Mythen ranken. Während man in der Ciudad Perdida Popurros aus Gold gefunden hat, handelt es sich bei den Popurros heutiger Koguis um ausgehöhlte Flaschenkürbisse, deren Inneres mit einem Pulver aus gebranntem Muschelkalk gefüllt ist. Ein mit Spucke angefeuchteter Stab wird in die Öffnung des Popurros gesteckt, der daran haftende Kalk abgeleckt, und während dieser sich im Mund unter Kauen mit den Kokablättern zu einem stimulierenden Brei vermengt, wird der Stab rhythmisch am Popurro abgestrichen.

Ihre Hütten, so sagt Martín, sind so gebaut, dass sie, würden die Kogui weiterziehen, restlos zurück in den Kreislauf der Natur eingehen können. Das allerdings, verrät ein kurzer Blick, ist auch hier inzwischen Wunschdenken. Selbst hier liegen zwischen den Hütten verstreut Plastikmüll und Metallteile.

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Zum Abschluss unseres kurzen Dorfrundgangs bittet uns Martin in eine der wenigen Hütten, deren Tür nicht verschlossen ist. Noch immer ist die Stille im Dorf geradezu gespenstisch. Anders als in Afrika zum Beispiel, wo wir meist innerhalb von Sekunden von einem ganzen Pulk Kinder begleitet wurden, halten die Dorfkinder hier noch immer Abstand.

Der Boden der Hütte ist aus gestampftem Lehm, in der Mitte befindet sich eine Feuerstelle, an der Wand hängt eine zusammengefaltete Hängematte, ansonsten verrät kein einziges Möbelstück etwas über den Bewohner. Wir setzen uns auf den staubigen Boden, Martín holt seinen Popurro aus der Mochilla, steckt den Stab in den Mund, dann in die Öffnung des Popurros, wieder in den Mund und beginnt rhythmisch zu kauen und den Stab am Popurro abzustreifen. Das leise Kratzen beruhigt mich, nimmt etwas von dem Unbehagen, dass ich bei unserem Dorfrundgang verspürt habe. Hier, im Schutz der Hütte trauen wir uns, offen mit dem nun sichtlich entspannten Martín zu sprechen.

Wie auch vor gut einem Jahr bei den Mennoniten in Belize, brennt mir vor allem eine Frage auf der Seele: Habt ihr keine Angst vor einem Identitätsverlust? Wie schafft ihr es, Eure jungen Leute ohne Gewalt für Eure Lebensweise zu begeistern? Sind sie nicht neugierig, wollen sie nicht hinaus in die Welt?

Martín lässt sich Zeit mit der Antwort, kaut ein paar Mal, bevor er leise spricht: Nein, sie hätten keine Angst ihre Kinder zu verlieren. Diese sein fest in ihrer Kultur verankert, wissen um ihren Platz. Ihre einzige und größte Angst sei es, ihren Lebensraum zu verlieren. Sie haben Sorge um die Zukunft der Welt, um die Zukunft ihres Volkes. Sie verstehen, dass es eine Notwendigkeit ist, sich uns zu öffnen. Aus diesem Grund lernen einige von Ihnen, Fremdsprachen und ein Handy zu bedienen. Ohne diese Fähigkeiten sei es in der Zukunft schwer, mit uns zu kommunizieren. Sie möchten verstehen, wie wir denken, nur so können sie ihre und unser aller Welt bewahren. Die Kamera gezückt, wage ich es doch nicht, Fotos zu machen. Zu groß ist die Angst, dass ich doch nur als ein Foto schießender Tourist in Erinnerung bleibe.

Wir erklären Martín, was der Grund unserer Reise ist. Dass wir den Kindern unterschiedliche Menschen, Kulturen und Lebensweisen zeigen möchten, damit sie fähig sind, sich ein eigenes Bild zu schaffen. Dass wir dankbar sind,  ihnen auch einen Einblick in das Leben seines Volkes verschaffen zu dürfen. Dass dies ein großer Schatz ist, der den Kindern einen ganz anderen Blick auf das Leben ermöglicht. Mit großen Augen hängen die Blicke der Kinder auf Martín, als er vom Leben der Stammeskinder und ihren Familien berichtet.

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Die meisten Familien leben in zwei Hütten, eine zum Kochen und eine zum Schlafen. Während der Vater in einer eigens für ihn angefertigten Hängematte schläft, nächtigen die Mutter und die Kinder auf Kuhfellen und Strohmatten auf dem Boden. Kommen die Kinder in die Pubertät, ändert sich je nach Geschlecht der Kleidungsstil. Die Jungen tauschen die wadenlangen weißen Kittel gegen weiße Hemden und Hosen ein, die Mädchen kleiden sich in Wickelkleider. Mit 18 Jahren wird im Durchschnitt geheiratet, oft auch früher. Hat ein junger Mann sich eine Braut ausgeguckt, dann geht er bei dem Vater der Angebeteten in eine Art Lehre, damit sich der Brautvater von der Tauglichkeit des zukünftigen Schwiegersohnes überzeugen kann. Besteht der junge Mann die Lehrzeit nicht, dann wird nicht geheiratet. „Eine sehr gute Regelung“, Timm ist beeindruckt. Er werde sie auch bei der Erziehung unserer Töchter in Erwägung ziehen. Aus den Augenwinkeln sehe ich in Lottas und Paulas Augen leichte Panik, die aber schnell wieder vergessen ist, als wir aus der schummrigen Hütte zurück ins Freie treten. Max verteilt an die Kinder mitgebrachten Kuchen und mit Zuckerguss verschmierten Mündern vergessen diese schließlich ihre Zurückhaltung, spielen mit den Jungen Fingerspiele, lächeln verzagt. Sie wirken so klein und zart gegen unsere nordischen Riesenkinder, so sanft und feenhaft. Es ist unmöglich, ihr Alter zu schätzen, selbst die Erwachsenen wirken alterslos. Wieder fühle ich mich bis auf die Knochen durchschaut von den Frauen, die mich aus sicherem Abstand anblicken.

Dann plötzlich geht alles sehr schnell. „Ins Auto, fix!“ Carlos geht festen Schrittes Richtung Geländewagen. Winkend und dankend folgen wir ihm. Es scheint, als sei jemand im Dorf angekommen, dessen Erlaubnis Martín ebenfalls hätte einholen müssen. Um keine Probleme zu bereiten, gehen wir lieber. Und obwohl ich froh und dankbar über die Begegnung und die Möglichkeit bei den Kogui gewesen zu sein, bin, legt sich ein Schatten über dieses Erlebnis: Das Gefühl, mehr geduldet als willkommen gewesen zu sein, mich aufgedrängt zu haben, mag einfach nicht weichen. Auch unsere Zugehörigkeit zum ignoranten, egoistischen Stamm des „kleinen Bruders“, der, nur den eigenen Vorteil im Auge, Mutter Erde vergewaltigt, lastet schwer. Die Kogui, vielleicht von Vielen belächelt, haben in den Augen unserer Kinder Recht: Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, das Ruder rumzureißen.

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Nach 19 Monaten auf Reisen

15. Februar 2020: Eine meiner ersten Yogastunden wäre vor vielen Jahren auch fast meine letzte gewesen. Grund dafür war ein T-Shirt. In bunten Leggings begrüßte uns die Lehrerin, leitete uns durch die Affirmation der Stunde. Nach wenigen Worten hörte ich nicht mehr zu, alles was ich wahrnahm, war die Aufschrift ihres T-Shirts: „Happiness is homemade“. Allzu gern hätte ich in diesem Moment die Yogamatte gegen ein paar Boxhandschuhe getauscht, um dieser Eso-Arschgeige ihr erleuchtetes Grinsen aus dem Gesicht zu hauen. Meine Wut hat an diesem Tag den ganzen Raum gefüllt, auch 30 Yogis konnten gegen diese Energie nicht anleuchten. Damals lebte ich in Kapstadt, war in keiner Weise unglücklich. Ein bisschen erschöpft vom Leben mit vier kleinen Kindern und einem überarbeiteten Mann, ein bisschen angespannt von der allgegenwärtigen Kriminalität, ein bisschen überfordert von der sozialen Ungleichheit und ihren Folgen. Trotzdem triggerte dieser T-Shirt Spruch mich gewaltig. Ich las ihn als „wer nicht glücklich ist, ist selber Schuld“ und das kam mir in einem Land wie Südafrika, in dem so viele Menschen mit Leid, Gewalt und Perspektivlosigkeit leben müssen, unendlich anmaßend vor. Viele Jahre später stehe ich vor dem Scherbenhaufen einer sehr alten Freundschaft,  unter anderem zerbrochen an der Unfähigkeit meines Gegenübers, das eigene Glück zu sehen. Und fast wäre mir zum Abschied genau dieser Satz entschlüpft: „Glück ist hausgemacht.“

Wie komme ich zu einer Haltung, für die ich noch vor wenigen Jahren geprügelt hätte? Ich habe in den Jahren zwischen besagter Yogastunde und dem Abschied von dieser Freundschaft eine Vielzahl inspirierender Menschen treffen dürfen, die mich gelehrt haben, dass das persönliche Glücksempfinden tatsächlich oft von der inneren Einstellung abhängt. Dass es einen riesigen Unterschied macht, ob einem das eigene Glas halb voll oder halb leer erscheint, dass es sich, wenn man sich auf Positives im eigenen Leben konzentriert, sofort auf das subjektiv empfundene Glück auswirkt. Habe ich z.B. einen Autounfall mit erheblichem Blechschaden, dann kann ich mich darüber ärgern, dass das Auto nun in die Werkstatt muss, dass meine Versicherung mich hochstuft, dass der Wert meines Autos gesunken ist. Ich kann aber auf der anderen Seite auch einfach dankbar sein, dass niemand zu Schaden gekommen ist. Ich kann den Unfall annehmen, als ein Ärgernis, eine Unbequemlichkeit, und dann den Ärger ziehen lassen. Kleine Katastrophen annehmen, sich kurz ärgern, sich dann aber nicht weiter von ihnen beschweren lassen, ist etwas, das wir in den vergangenen Monaten ausführlich lernen durften. Ich weiß nicht, wie es uns gelingen würde, mit großen Katastrophen umzugehen, sehe aber am Beispiel einer Freundin, die ich über alle Maßen bewundere, dass auch das geht, wenn man mutig genug ist, sich seinem Leid zu stellen. Der unfassbare Schicksalsschlag ihr Kind zu verlieren hat sie befähigt, ihre Lebensaufgabe zu erkennen: Sterbenden und ihren Angehörigen auf den letzten Schritten ihres Lebensweges zu helfen. Sie sieht viel Leid und Traurigkeit, wird immer wieder mit dem eigenen Schmerz konfrontiert und ist doch einer der zufriedensten, erfülltesten Menschen, die ich kenne.

Glück, das haben wir ebenfalls in den letzten Monaten gelernt, ist nicht das Maß aller Dinge. Nach dauerhaftem Glück zu streben, ist bestimmt der sicherste Weg ins Unglück. Damit sich eine Grundzufriedenheit einstellt, muss man auch die in unserer Gesellschaft weniger positiv bewerteten Gefühle wie Wut, Traurigkeit, Scham und Angst zulassen. Jedes Gefühl hat seine Schattenseite, aber auf der anderen Seite enthält es eine unglaubliche Kraft, die, wenn man es nicht verdrängt, Veränderung ermöglicht. Viele meinen z.B., wir hätten keine Angst. Ich habe Angst, mehrmals am Tag gibt es Momente, an denen ich mich entscheiden muss, ob sie mich lähmen darf, ob ich sie wegschiebe an einen Platz von dem aus sie mich irgendwann hinterrücks überfällt, oder ob ich sie als eine Chance zulasse, die Situation zu verändern. Schon die ersten drei Wochen in Kolumbien, auf dem neuen Kontinent Südamerika, schenken uns einige Möglichkeiten, Situationen positiv oder negativ zu bewerten. Nach unserem Offroadabenteuer in der Sierra Nevada de Santa Marta ist Roger etwas mitgenommen, muss in die Werkstatt. 16 Bolzen, die den Wohnkoffer tragen, die hinteren Blattfedern und die Kabinenfederung müssen ausgetauscht, bzw. verstärkt werden. Klar wäre es schön, wenn uns das erspart worden wäre, aber welch ein Glück, dass es hier und jetzt passiert und uns unser Freund Leonardo zur Seite stehen kann. Timm liegt während der wichtigsten Werkstatttage und an seinem Geburtstag mit einer Salmonellenvergiftung flach. Scheiße, im wahrsten Sinne des Wortes, aber zum Glück haben wir sowieso ein Haus gemietet und er kann sich in klimatisierten Räumen auskurieren. Und wir haben Leonardo zu unserer Seite, der die Reparatur überwacht, uns stündlich Fotos schickt, um Timm zu beruhigen. Guerillas sperren für ein Wochenende alle Hauptverkehrsstraßen des Landes, man ist in erhöhter Alarmbereitschaft, gilt die ELN doch als Terrororganisation. Auch hier steht uns Leonardo zur Seite, erklärt uns die Hintergründe, gibt uns Verhaltensregeln mit auf den Weg und zeigt uns auf der Karte die sichersten Wege. Am Ende steht nach dieser anstrengenden Zeit unter dem Strich nur eine Erkenntnis: Welch ein Glück, Leonardo und seine Familie getroffen zu haben, ihn zum Freund zu haben. Alle anderen Ärgernisse lösen sich in Luft auf und übrig bleibt ein warmes Gefühl im Bauch- Glück.