Leben in Costa Rica

„Raus aus der Kleinstadt, rein in die wilde Welt!“ Mit diesem Ziel vor Augen sind wir im Juli 2018 in Deutschland losgefahren. Und nun, ein Jahr später landen wir genau dort, wo wir eigentlich nicht mehr sein wollten: in einer Kleinstadt. 

Atenas, unsere neue Heimat auf Zeit liegt zentral, so ziemlich im Herzen von Costa Rica auf einer Höhe von knapp 700m, umgeben von Kaffeeplantagen. Viele der Hauptattraktionen des Landes sind nur höchstens zwei bis drei Fahrstunden entfernt. Obwohl  Distanzen in Kilometern gemessen, in Costa Rica nicht groß sind, benötigen sie, gemessen in Zeit, ewig. Straßen sind, außer der Hauptverkehrsader R27, die sich zum Glück fast vor unserer Haustür befindet, nie gerade, schlängeln sich in Serpentinen durch den dichten Dschungel, durch nebelverhangene Baumwipfel, wieder herunter an die Küste. Der Verkehr ist, zumindest auf den Hauptstraßen dicht. Man braucht Geduld, Zeit und ein ziemlich dickes Fell. Das wird uns, während unserer Pause in der gemütlichen friedlichen kleinen Stadt wohl hoffentlich ganz von alleine wachsen, wenn wir ihm ein bisschen Zeit und Raum geben, wird uns rüsten den Rest dieses Landes etappenweise von hier aus zu erkunden. 

„Eine Oase des Friedens in einer von Gewalt und politischen Unruhen geprägten Region Zentralamerika“ betitelt Wikipedia Costa Rica. Und genauso fühlt es sich an. Die Kolonialgeschichte Costa Ricas unterscheidet sich deutlich von der seiner Nachbarländer. Von Diktatur und Bürgerkriegen wurde dieses Land weitgehend verschont, anders als in anderen zentralamerikanischen Ländern hat sich hier nie eine Großgrundbesitzerelite ausgebildet, ist hier die Wirtschaft nicht auf Ausbeutung und Sklavenarbeit gegründet. Stattdessen organisieren sich die Bauern in Kooperativen. Der Kaffeeanbau beruht auf einem umfangreichen Netz aus Großhändlern und Bauern, es gibt schätzungsweise 130000 Kaffeeplantagen. So haben alle die Möglichkeit, ihre Produkte zu verkaufen. Die Kooperative von Atenas betreibt einen Supermarkt, ein Cafe, eine Tankstelle, einen Wochenmarkt und einen Landhandel. Jeder der Mitglieder profitiert von den Einnahmen und das schlägt sich auf das Gemeinschaftsgefühl nieder. Die Menschen hier sind zufrieden, jeder vom Tankwart bis zum Marktverkäufer scheint das, was er tut gern zu machen. Bedankt man sich für etwas, bekommt man immer ein „con mucho gusto“ ( sehr gern geschehen) entgegengelächelt. Der Parkplatzwächter des Coopesupermarktes begrüßt mich jedes Mal mit „Guten Tag meine Königin“, die Bäckerin schenkt uns Baguette extra, damit wir die vielen Kinder satt bekommen, die Werkstattschrauber winken, wenn wir vorbeifahren. Fatima, die Kassiererin der Pulperia, in der wir Kleinigkeiten und Fleisch kaufen, erkundigt sich nach der Schulwoche der Kinder, danach, wie es Timms Rücken geht und ob unser Besuch wieder gut in der Heimat gelandet ist. Der Kassierer an der Zollstation ist mit Timm auf Facebook befreundet, seine Spanischlehrerin gibt alles und noch viel mehr, um liebevoll Grammatik und Vokabeln in seinem starren Kopf zu verankern. Andrés, Timms Physiotherapeut mutiert zum Personaltrainer und schließlich zum Freund, mit dem Timm auf einer mehrtägigen Wanderung den Chirripo, den höchsten Gipfel Costa Ricas erklettert. Maria, Christian und ihre Kinder Pia und Sofia werden zu unserer Costa Ricanischen Familie, wir bekochen uns gegenseitig, machen Ausflüge und spielen gemeinsam Volleyball. Die Kinder fühlen sich in der Schule aufgehoben, finden schnell Anschluss und Freunde. Es dauert nicht lange und wir sind angekommen, mitten drin im wuseligen Leben einer Costa Ricanischen Kleinstadt. 

IMG_2549

Wobei „ankommen“ in diesem Fall übertragen gemeint ist. Im eigentlichen Sinne ist das hier nicht so einfach. Unser Haus liegt ein paar Kilometer außerhalb, umgeben von dichtem Grün. Wenn ich möchte, dass uns jemand besuchen kommt, muss ich ihm einen Standort schicken, da es in Costa Rica keine Straßen Namen und Hausnummern gibt. Je nachdem, wen man fragt und von wo aus fällt die Adresse eines Hauses immer anders aus. Die Wegbeschreibung des Familienvaters könnte folgendermaßen lauten: Von der Bar „la cantina del Pueblo“ 300m in nördliche Richtung, nach dem 2. Geschwindigkeitspoller scharf rechts, 200m geradeaus, das dritte Haus auf der rechten Seite, Farbe Grün. Die Dame des Hauses würde vielleicht die Kirche als Ausgangspunkt nehmen, die Tochter den Frisör, der Sohn den Fußballplatz und auch die Farbe des Hauses würde, je nach Empfinden von Grün über Schwimmbadblau bis zu Himmelblau variieren. 

„Grinchgrün“ ist die für mich vorherrschende Farbe. Wir befinden uns zum Anfang der Regenzeit, jeden Morgen, wenn ich die Augen öffne, glitzert die Sonne durch das dichte Blätterdach, jeden Nachmittag um Punkt zwei zieht sich der Himmel zu und der Himmel entlädt sich in Regen, Blitz und Donner. So geht das mehrere Monate. Ich liebe die nachmittäglichen Gewitter, mag den herabstürzenden Regen und die Donnerexplosionen. Natur ist hier so gewaltig so ungezähmt, so allgegenwärtig. Nach den Gewittern sind alle Spannungen entladen, ausgetobt und leergedonnert ist die Luft wie frisch gewaschen und klar. Ich mag es, wenn die Sonne langsam wieder durch die Wolkendecke kriecht und der Tag weiter macht, als sei nichts gewesen. Wenn die Grillen ohrenbetäubend zirpen, als sei es ihr Verdienst, dass das Gewitter weiterzieht. Schmetterlinge und Kolibris flattern durch die bunten Gartenblumen, Papagein schreien gut getarnt von den Wipfeln der Bäume am Haus. Ein bunter Specht durchlöchert das Totholz des Baumes am Pool, ab und zu kracht ein größerer Ast herunter, verfehlt uns zum Glück jedes Mal. Alle vier Jahreszeiten wandern hier durch einen Tag. Ab und zu kommt ein Erdbeben dazu, während unserer Zeit in Atenas wackeln sechs Mal die Scheiben, Wände und Betten, oft klemmen danach die Türen. Im Laufe der Regenzeit wird es feucht im Haus, wir müssen an sonnigen Tagen die Kleiderschränke öffnen damit die Feuchtigkeit aus den Klamotten abdampfen kann. Alles Mögliche beginnt zu schimmeln, muffig zu riechen, stören tut uns das nicht. Wir sind unendlich dankbar, an diesem Ort verschnaufen zu dürfen.

Jeden Morgen laufen in unserer Küche die Cornflakes davon und auch sonst ist das Leben in unserem Haus äußerst artenreich. 300.000 der insgesamt 500.000 Tierarten in Costa Rica sind Insekten. Ein Großteil von ihnen lebt im und um unser Haus. Um auch in der Regenzeit gut durchlüftet zu sein, sind im Untergeschoß die Fensterscheiben durch Holzgitter ersetzt, durch die fröhlich das Leben von außen nach innen und wieder nach außen wandert. Oft mit unserem Essen im Gepäck. Rote große Blattschneideameisen schleppen in Karawanen Brotstücke und gekochte Spaghetti aus dem Fenster, kleine schwarze Ameisen krabbeln durch die Betten und überall in der Küche, beißen schmerzhafter, als man es ihrer Größe zutrauen würde. Riesenhafte schwarze Ameisen mit furchteinflößenden Mundwerkzeugen räumen die Krümel unter den Tischen weg, leben im ganzen Haus, lassen uns aber in Ruhe, wenn wir uns nicht aus Versehen auf sie setzen oder stellen. Wenn sie beißen, tut es höllisch weh. Mehr als die schwarzen Skorpione, die sich in jedem Winkel des Hauses verstecken: in der Besteckschublade, zwischen den Kochtöpfen, in der gefalteten Wäsche, hinter Bilderrahmen, in den Schulrucksäcken der Kinder. Einmal nimmt Max einen Skorpion aus Versehen im Brotdosenfach mit in die Schule. Dieser versteckt sich dort den ganzen Tag, kommt am Nachmittag unentdeckt wieder mit nach Hause, verlässt, sobald der Rucksack den vertrauten Küchenboden berührt, den Rucksack fluchtartig. Einmal zieht eine Skorpionmama in meinen Schuh, bringt dort ihre 30 Jungen zur Welt. Sie leben dort ungestört, die Kleinen wachsen heran, bis ich eines Tages meinen Fuß hineinstecke, ohne wie sonst üblich den Schuh ausgeschüttelt zu haben. Es tut weh, sehr weh und innerhalb von 1,5 Stunden schwillt meine Zunge an und mein Mund wird taub. Alles völlig normal, es wird mich stärker machen, sagt die Apothekerin, rät mir, Gewürznelken zu kauen. 

Auch völlig normal, jedenfalls wenn man mal genauer nachfragt, sind die Maden der Dasselfliege (Torsalos), die sich unter die Haut graben und sich dort am Gewebe des Wirts dick und rund fressen, bis sie mit einer Größe von ca. 2 cm schlüpfen und sich zu Boden fallen lassen. Erkennen kann man den Befall an Hautbeulen, die in einem Zeitraum von ca. 4 Wochen immer größer werden, fürchterlich weh tun, während es von innen frisst. Bevorzugte Wirte sind Rinder. Vor allem die auf der Weide gegenüber unseres Hauses sind übersät von den riesigen Beulen. Auf den Rücken der Tiere sitzen regelmäßig Greifvögel, picken die dicken Proteinbomben aus dem Fell der stillhaltenden Kühe. Manchmal- und leider passiert das Timm- verirren sich die Mücken, welche die Eier der Fliegen übertragen, auch auf den Menschen. Ein Pickel an seiner Stirn wird größer und größer, sticht schmerzhaft. Irgendwann, nachdem Timm das nächtliche Fressen der Larve  lange wachgehalten hat, fragen wir Doktor Google um Rat. Die Lösung: Ich soll ihm ein rohes Stück Fleisch über Nacht auf die Stirn kleben, wenn wir Glück haben, zieht die Larve um. Bevor wir das versuchen, verschließt Timm, einem anderen Rat folgend, das Atemloch mit einer fetthaltigen Salbe. Die Larve, die droht zu ersticken, versucht es erwartungsgemäß wieder frei zu graben. Genau in dem Moment, in dem ihre Schwanzspitze aus dem Loch guckt, greift Timm zu, zieht mit einer Pinzette ihren mit Wiederharken gespickten Körper langsam aus dem Loch. Mein Magen rebelliert. Als wir ein paar Wochen später den Hund Newton von den ersten beiden von 17 Larven befreien müssen, nachdem er tagelang winselnd im Kreis gelaufen ist, bin ich deutlich nervenstärker, helfe Christian bei der Operation, bevor wir aufgeben und den Hund zum Tierarzt bringen. Auch Skorpione schrecken uns bald nicht mehr. Mit Becher und Papier bewaffnet, fangen wir sie ein und setzen sie nach draußen. 

Überall im Haus leben Geckos, deren Rufe uns in der Nacht versichern, dass sie sich um die Mücken kümmern. Ab und zu verirrt sich ein Glühwürmchen von draußen nach innen, tanzt über unser Bett. Von draußen quaken schuhgroße Kröten, deren toxischer Schleim einen Hund ins Jenseits befördern könnte. Nachts treffen sie sich am Pool im Garten, den Adrian, unser Vermieter extra mit einer Kante versehen hat, mit deren Hilfe die Kröten wieder hinauskommen. In den umliegenden Bäumen kraxeln Leguane, fressen sich an den Obst und Gemüseabfällen satt, die wir Ihnen bereitlegen. Unter dem Dachvorsprung unseres Hauses leben Fledermäuse, ab und zu verirren sie sich nachts ins Haus, wenn wir vergessen, ein Fenster zu schließen. Ihre Köttel rieseln vom Dach in meinen Morgenkaffee. Wildbienen bauen ihre Nester an jeder nur möglichen Stelle im und um das Haus und mehr als einmal müssen wir bewegungslos innehalten, bis der Schwarm samt Königin in ein neues Nest umgezogen ist. Natur, das stellen wir schnell fest, ist hier um vieles lebendiger als bei uns in Deutschland. 

Es ist ein komisches Gefühl, nun plötzlich aus der Rolle des Overlanders, in die wir uns so mühevoll eingelebt haben, in die Rolle des Expats katapultiert worden zu sein. Wir brauchen einige Wochen, uns an das „an einem Ort sein“ zu gewöhnen. Den Kindern tut die Pause gut, sie genießen den Platz, spielen Lego, malen, machen Musik, spielen mit den Nachbarsmädchen Pia und der kleinen Sophie. Sie toben mit den Hunden, spielen im Pool, im Garten stehen zwei Fußballtore,die eifrig beschossen werden, wir entdecken Volleyball als Familienspiel.

Als Timm operiert wird, lasse ich die Kinder zwei Tage unter Marias Obhut, spreche mit Ärzten, beurkunde den Kauf unseres Autos. Ich bin unendlich dankbar, die Kinder nicht mitschleppen zu müssen, kann unser Glück kaum fassen, bedanke mich erneut beim Schicksal, dass es uns nicht nur ein wunderbares Haus, sondern auch Christian und Maria beschert hat. Das Krankenhaus erinnert an ein 5-Serne Hotel, Timm darf sich jeden Tag sein 4-Gänge Menü selbst zusammenstellen, die Krankenschwestern erinnern an Stewardessen von Emirates, sind wahnsinnig freundlich aufmerksam und hübsch anzusehen. 

Um den Zeitunterschied zu überbrücken, steht Timm, als er wider zu Kräften gekommen ist, jeden Morgen um vier Uhr auf, arbeitet bis er die Kinder um sechs weckt. Ich stehe ebenfalls früh auf, mache Yoga, schreibe ein bisschen auf der Veranda, während vor meinen Augen der Garten aus der Dunkelheit kriecht und die Sonne dotterfarbenes Licht verschüttet. Um sieben fährt Timm die Kinder in die Schule, geht danach entweder zur Physiotherapie oder zum Spanischunterricht. Jeden Morgen kommt die 2,5 Jährige Sofie herüber, damit wir zusammen unseren Cafecito trinken: sie einen Cranberrysaft aus einer kleinen blauen Emailletasse, ich meinen Kaffee, der in den Hängen rund um unseren Ort Atenas wächst.

Nur einmal, bekommt unser Glück eine kleine Delle. Da unsere Importgenehmigung für Roger nach drei Monaten abläuft, wir dann, um eine Neue zu bekommen theoretisch für drei Monate das Land verlassen müssten, haben wir kurz Panik, dass unsere sechs Monate auf nur drei verkürzt werden müssen. Unsere Träume drohen kurz zu zerbröseln -bis wir bei der Recherche nach einer Lösung auf den Blog „Freedom with Bruno“ stoßen. Gerade, als wir zu verzweifeln drohen, liefert er die Lösung: Man kann sein ausländisches Auto beim „Almanacen Fiscal“, dem Zoll, einlagern und damit die Importgenehmigung einfrieren. Schweren Herzens trennen wir uns von Roger, bringen ihn zum Zollparkplatz, besuchen ihn regelmäßig, um zu kontrollieren, ob er dem stärker werdenden Regen noch standhält. 

Wir haben viel Besuch, sowohl von anderen Overlandern, als auch von unseren Familien. Die „Piraten“ Sven und Iris setzen sich in Mexiko ins Auto, als sie hören, dass wir in Costa Rica sind, kommen zu uns und bleiben drei Wochen. Wir lernen eine Schweizer Familie kennen, die ebenfalls mit einem Überlandtruck von Kanada aus unterwegs ist, anders als wir allerdings schon wieder Stalltrieb hat und zu Weihnachten in den verschneiten Schweitzer Bergen sein möchte. Auch sie bleiben einige Tage bei uns, um ihre Batterien wieder aufzuladen, ihren Kindern eine Pause vom Reisealltag zu gönnen. Timms Familie kommt zu Besuch, Max Patenonkel mit seiner Familie und gemeinsam mit ihnen entdecken wir Costa Ricas Nationalparks, Strände, Wälder, Wasserfälle, genießen die lokale Küche.

IMG_6606

Jeden Freitag gehen wir, um das Wochenende mit den Kindern zu feiern, Eis essen und viel schneller als erwartet, beginnen zarte Wurzelausläufer nach dem Boden zu suchen. Die Gefahr, hier Wurzel zu schlagen ist groß, immer wieder müssen wir uns in Erinnerung rufen, dass die Reise weiter geht, dass das hier nur eine Pause ist. Dass wir hier nur ausruhen, um Energie für den Rest unseres Abenteuers zu sammeln. 

Nach 15 Monaten auf Reisen

15.Oktober 2019: „Es ist nicht die stärkste Spezies die überlebt, auch nicht die intelligenteste, es ist diejenige, die sich am ehesten dem Wandel anpassen kann.“ Was der sehr schlaue Herr Darwin schon vor langem wusste, erleben wir hier am eigenen Leib. Es ist unser dritter reisefreier Monat, der dritte Monat Leben in Costa Rica, der dritte Monat Alltag. Jetzt sind die Kinder nicht mehr die Neuen in der Schule. Sie kennen sich inzwischen aus, haben Freundschaften geschlossen, die eine oder andere Enttäuschung eingesteckt.

Sich in eine völlig andere Gesellschaft einzufügen, die nach komplett unbekannten Regeln funktioniert, hier seinen Platz zu finden, ist besonders für Teenager enorm beängstigend und gleichzeitig stärkend. Immer wieder gibt es Gruselmomente, aber alles in allem hat das Selbstbewusstsein der Kinder Auftrieb bekommen: Lotta hält einen Vortrag über unsere Reise, ist hier die Mutige, die Kreative. Paula hat mit einer Zeichnung den Talentwettbewerb der Schule gewonnen, kann den Preis entgegennehmen, ohne das Bedürfnis zu haben, im Erdboden zu versinken. Carl fährt mit der Fußballmannschaft auf Auswärtsspiele, mit einem Trainer, der nur Spanisch spricht, Max begleitet einen neuen Freund zur Familienfeier, zuckt nicht einmal mit der Wimper, als er erfährt, dass sein Steak mal ein Pferd war(was sich im Nachhinein als Scherz herausstellt).  Alle Kinder meistern die Sprachbarriere erstaunlich. Statt Angst zu haben, sehen sie all die Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wenn man an einem neuen Ort mit einer unbekannten Sprache lebt, als Herausforderung. Sie können erkennen, dass jedes neue Umfeld ihnen die Chance gibt, eine andere Seite von sich kennenzulernen. Um ein umfassendes Bild von sich selbst zu bekommen, ist das wichtig. In einem neuen Umfeld hat man die Chance, das Bild das andere sich von einem machen, mitzubestimmen. Das ist Freiheit.

Zuhause steckt man oft in Bildern fest, die sich andere gemacht haben, wird immer wieder auf diese zurückgeworfen, manchmal klebt ein solcher Stempel ewig. Aber es sind nicht nur negative Stempel, auch die Guten können eine erdrückende Last sein, wenn zum Beispiel ein bis dahin immer zuverlässiger Einserschüler plötzlich nachlässt und dem Druck unterliegt, zu alten Höchstleitungen auflaufen zu müssen. Die Kinder entwickeln sich, sind in einem permanenten Umbruch und da ist ein Umfeld, gegen dessen Stempel man ankämpfen muss, anstrengend. Viele Menschen brauchen viel Lebenserfahrung, um herauszufinden, wer sie sind, die Kinder haben schon jetzt die Chance dazu, nutzen sie mit ganzem Herzen.

Aber ein Leben mit Alltag bringt auch die alltäglichen Streitereien und Diskussionen zurück an den Frühstückstisch. Häufig drehen diese sich um Handy und Medienkonsum, selten, weil es an der Schule eine Schuluniform gibt, um Kleidung. Wir haben festgestellt, dass jegliche Medien Kreativität absaugen wie ein Staubsauger, sind nach wie vor streng mit Handy und Computerzeiten. Wir haben festgestellt, dass die Kids bei beschränktem Zugang zu Computer und Handy nur so vor Schaffensdrang explodieren. Timm und ich versuchen, gutes Beispiel zu sein und sind doch deutlich mehr online, als wir wollen. Wir nutzen die Zeit all das aufzuarbeiten, was während der letzten Monate liegengeblieben ist.

Mit dem vermehrten Kontakt nach Deutschland rutscht die Heimat wieder sehr in unseren Fokus und der gleichzeitige Abstand zu ihr wirft Fragen auf. Wir sind gewohnt, schnell Lösungen und Antworten zu finden, nicht gut darin, geduldig zu warten. Manchmal aber, und das haben die letzten Monate gezeigt, reicht es, die richtigen Fragen zu stellen, darauf zu vertrauen, dass es im Hinterstübchen kontinuierlich arbeitet und die Lösung dann plötzlich und unerwartet in ihrer vollen Pracht vor einem steht.

Was bedeutet uns unsere Heimat, wo ist eigentlich unser Zuhause? Werden wir nach dieser Reise erneut das Gefühl haben, uns in eine zu kleine Lücke zwängen zu müssen? Wollen wir das überhaupt? Wie wollen wir leben? All diese Fragen arbeiten seit geraumer Zeit in uns, während wir hier unseren Alltag meistern, wieder zu Kräften kommen. Ist „Heimat“ der Ort, an dem man aufgewachsen ist, ist es der, an dem man zuletzt gelebt hat, oder der, an dem man sich am liebsten aufhält? Kann man mehrere haben? Heimat hat keinen Plural. Das Konzept, dass wir im Deutschen von „Heimat“ haben, gibt es im Englischen nicht. Hier wird dieser Begriff, in dem im Deutschen so viel zwischen den Zeilen steht in mehrere Begriffe aufgeteilt: Homeland (Heimatland), Home (Zuhause) und native Country (Herkunftsland). Bei uns heißt „Heimat“ das alles- und noch viel mehr.

Timm musste diesen Monat für zwei Wochen nach Deutschland fliegen, wir haben Familienbesuch bekommen, sind durch verlässliches WLAN wieder mehr im Kontakt mit Zuhause. So kommt das, was wir für eine Zeit hinter uns gelassen haben, wieder sehr nah.

Im Synonymwörterbuch gibt es für „Heimat“ keines, stattdessen lese ich zu „heimatverbunden“ folgendes: Sesshaft, bodenständig, verwurzelt, verankert, verwachsen, ortsfest, ortsgebunden, immobil, stationär, traditionell, eingeboren, indigen, endemisch. Das alles sind wir nicht, wir sind das Gegenteil! Aber auch das Gegenmodell klingt frustrierend: Als Synonym zu „Auswanderer“ steht dort „Heimatloser“ und „Vertriebener“.

Toll! Eine Heimat werde ich, laut Synonymwörterbuch also nie haben. Solange ich denken kann, wünsche ich mir Wurzeln und dann, jedes Mal wenn sie sich sachte im Erdreich verankern, reiße ich sie wieder aus. Woran liegt das? Ist Heimat vielleicht für mich gar kein Ort, sondern ein Gefühl? Kann man heimatlos leben, oder ist man dann für immer getrieben? Schwebt wie ein Löwenzahnsamen, vom Wind getragen, bleibt zufällig liegen, bis die nächste Böe einen weiter pustet? Kommt das Gefühl von Heimat vielleicht erst mit dem Alter? Dann wär‘s doch mal Zeit!

Wir hatten, als wir in Afrika losgefahren sind, den festen Plan, Wurzeln zu schlagen. Unser Hof, das war das Ziel, sollte für Generationen eine Heimat werden. Und nun, mit etwas Abstand stellen wir fest, dass er kaum mehr Heimat ist, als jeder andere Ort, an dem wir bisher gelebt haben. Ich habe es verpasst zu verwachsen, Wurzeln zu schlagen und diese Tatsache macht mir eine Heidenangst. War nicht so gewollt.

Ein Zuhause also, das haben wir. Es ist der Ort, an dem wir zuletzt gelebt haben, der wo unser Haus steht, an den wir eines Tages zurückkehren werden. Ein Heimatland haben wir mit unserem Geburtsort auch. Eine Heimat aber, als den Platz, an dem wir uns verankert fühlen, den trage ich wohl mit mir: Meine Heimat ist dort, wo Timm und die Kinder sind.

Nach 14 Monaten auf Reisen

15.September 2019: Hamster, das haben Untersuchungen ergeben, laufen bis zu acht Meilen (natürlich war es eine amerikanische Untersuchung!) pro Nacht in ihrem Hamsterrad. Wäre Timm ein Hamster, würde er 16 Meilen laufen, hätte dabei ein Telefon am Ohr, den Rechner vor der Nase und würde sich die Fußnägel klippen, alles nebenbei. Das Tempo, mit dem er durch sein Leben rast, ist ein anderes als das der meisten Leute, kein gesundes wie ich seit Jahren predige. Für Mitmenschen ist dieses Tempo manchmal schwer zu ertragen, weil es in ihnen das Gefühl hinterlässt, immer hinterherzuhinken. So schlimm und anstrengend die Erfahrung gewesen ist, es war heilsam für Timm, nun auch einmal in der „Hinkeposition“ zu sein, nicht hinterherzukommen und seine Mitmenschen von hinten zu sehen. Plötzlich Pausen machen zu müssen, innezuhalten, sich nicht mehr permanent beschäftigen zu können, hat ihn zunächst zutiefst verunsichert. Dann, nach einiger Zeit erzwungenem Ausgebremstseins, ist etwas mit ihm passiert, dass ich nie für möglich gehalten hätte: Er hat Gefallen an Pausen gefunden, gemerkt, dass es den Motor schont, wenn man nicht immer im oberen Drehzahlbereich fährt. Psychologentipps steht Timm skeptisch gegenüber, Vergleichen mit Motoren allerdings schenkt er Gehör. Und so sehe ich ihn nun immer wieder in der Hängematte liegen und ein Buch lesen. Seine Physiotherapie hat allerhöchste Priorität. Wenn er ein paar Minuten zu früh bei einem Termin erscheint, nimmt er sich Zeit für einen Kaffee, betrachtet das Treiben auf der Straße, setzt sich in die Kirche um Stille zu tanken, geht spazieren, einfach so zum Spaß, ohne Ziel und Zeitbegrenzung. Zwar steht er noch immer morgens um vier auf, um zu arbeiten, serviert mir zum Morgenkaffee, seine neusten Hirngespinste, aber er legt sich dafür am Nachmittag in die Hängematte und lauscht dem Gezwitscher der Vögel. Das ist ein Quantensprung, für ihn und für unsere Familie. Solche Sprünge bleiben nicht ohne Konsequenzen. Wenn man körperlich nicht in Bewegung ist, dann passiert innen mehr, dann trauen sich plötzlich Gedanken ans Tageslicht, die man lange nicht mehr gedacht hat.

Auf unserer Afrikareise haben wir uns, nach anstrengenden Jahren in Kapstadt geschworen, uns nicht wieder einsaugen zu lassen. Ein Hamsterrad erscheint von innen wie eine Karriereleiter, das hatten wir ja inzwischen verstanden. Diesen Lebensabschnitt wollten wir anders gestalten, nachhaltig und bewusst. Wir haben vom Landleben geträumt, vom Selbstversorgen, von krähenden Hähnen und glücklich im Garten tollenden Kindern, von Apfelernte und Kaminfeuer. All das ist eingetreten, aber wirklich Zeit es zu genießen, haben wir uns nicht genommen. Wir waren ständig in Bewegung, haben dauernd an irgendetwas gebastelt und gebaut, gewühlt und hatten manchmal das Gefühl, wir könnten uns keinen Urlaub leisten, weil dann zu viel liegen bleiben würde. Wir haben ein altes Bauernhaus restauriert, Timm hat für seine Firma gearbeitet, Roger geplant und gebaut, ich habe mich um die Kinder gekümmert, um eine ziemlich schnell wachsende Schafherde, um unsere Hühner, Kaninchen, Meerschweinchen, Pfauen, Katzen, Schweine, ein durchgeknalltes Pony, einen Selbstversorgergarten, bin jeden Abend todmüde ins Bett gefallen. Im Frühling haben wir unsere Gartenliegen unter den Walnussbaum im Park aufgestellt, das Ruderboot aus der Scheune geholt und am Steg festgemacht. Im Herbst dann, haben wir die Liegen wieder eingelagert, das Boot zurück in die Scheune gebracht- ohne einmal die Sonne durch die Walnussblätter scheinen gesehen zu haben, ohne auch nur einmal in der Abenddämmerung zu angeln. Jedes Mal wenn ich mich mit einem Kaffee in den Garten gesetzt habe, bin ich schon nach drei Schlucken aufgesprungen, um Unkraut zu jäten und Hecken zu schneiden. Timm ist jedes Mal auf dem Weg zur Küche an seiner Bürotür abgebogen, an seinem Schreibtisch kleben geblieben. Wir haben viel geschafft, unseren Landlebentraum gelebt- aber leider im Zeitraffer, in einem Tempo, das ein bewusstes Genießen unmöglich macht. So haben wir bisher immer gelebt: Highspeed! Und so kann und darf es nicht weitergehen, weil wir sonst ausbrennen. Timms Bandscheibenvorfall, meine Allergieattacken und chronischen Entzündungen, die immer mal wieder an verschiedenen Körperstellen auftauchen, morsen SOS, und wir wollen versuchen, endlich einmal zuzuhören. Es sieht so aus, als würden wir ein Leben in totaler Freiheit führen. Die Möglichkeit, eine solche Reise zu machen, haben viele nicht. Dass jeder, der sich diese Freiheit leistet, enorm viel dafür tun muss, bleibt vielen verborgen. Die meisten Reisenden haben zu Hause alles aufgegeben, alles zu Geld gemacht, sich jahrelang eingeschränkt, um sich diesen Traum zu erfüllen. Andere wie wir arbeiten von unterwegs, müssen Zeitverschiebungen überbrücken, nachts aufstehen, manchmal stundenlang an lauten Tankstellen ausharren, weil dort das WLAN funktioniert und dringend etwas Wichtiges verschickt werden muss. Auch wir mussten in Vorleistung gehen, die Jahre zwischen unseren Reisen viel arbeiten, um jetzt das tun zu können was wir am meisten lieben. Wir sind gut im Ärmel hochkrempeln und Aufbauen, gut darin schnell Lösungen zu finden, können anpacken. Die meisten glauben, wir sein mutig. Dabei sind wir eigentlich von Angst getrieben. Angst etwas zu verpassen, nicht jede Chance mitzunehmen, alt zu werden, ohne nicht jeden kleinen Traumfitzel verwirklicht zu haben. Ist es mutig, sich immer wieder aus der Komfortzone herauszukatapultieren, oder ist das vielleicht auch nur eine Spielart der Flucht? Flucht davor, Komfort zu ertragen? Fertigsein, das war für uns nie ein erstrebenswerter Zustand. Immer wenn unser Leben endlich so weit aufgebaut war, dass wir endlich einmal hätten innehalten können, Luft holen, dann hat uns die Panik erfasst, die Angst vor Stillstand und wir sind wieder losgeprescht. Irgendwie, das wird uns jetzt bewusst, wollen wir in Zukunft einen Weg finden, unseren Drang Neues zu erleben mit der Notwendigkeit innezuhalten  zu verbinden.

Die Pause in Costa Rica, zunächst ja eine Zwangspause, ist ein Geschenk des Himmels. Wir haben endlich Zeit, das Erlebte sacken zu lassen, in Ruhe die Dinge abzuarbeiten, die liegen geblieben sind, ohne Stress Pläne für die Zukunft zu machen. Die Kinder genießen den Alltag, freuen sich, jeden Morgen zur Schule zu gehen, am Nachmittag vor sich hinzutüddeln. Ich habe sie noch nie so zufrieden und ausgeglichen erlebt. Wir streiten fast nie, morgens gehen sie gut gelaunt zur Schule. Jeden Tag sollen sie beim Abholen den Tag von 1-10 bewerten. Schlechter als 7 ist es fast nie. Sie können nicht den gesamten Unterrichtsstoff verstehen, wichtig aber ist das nicht. Freunde zu haben, zu lernen, positives Feedback von den Lehrern zu bekommen macht sie glücklich. Auch das ist eine wichtige Erkenntnis für uns: Die Kinder lieben es, unterwegs zu sein, aber es ist ihnen enorm wichtig, immer mal wieder den Anker zu werfen und länger zu bleiben. Gleichaltrige um sich zu haben, ein eigenes Zimmer, einen Alltag. Besonders für Paula, die diesen Monat Geburtstag hatte, nun auch ein Teenager ist, sind die Veränderungen die ihr Körper und Geist gerade durchlebt, manchmal unheimlich. Da ist es heilsam, sich mit Gleichaltrigen austauschen zu können, auch mit denen zu Hause. Nicht auf WLAN warten zu müssen, wenn Fragen drängen, die wir nicht beantworten können oder sollen. Wie in unserem Leben, ist auch für sie der ideale Weg einer, der Pausen berücksichtigt, der es ermöglicht, an manchen Orten länger zu bleiben, zur Schule zu gehen, Gleichaltrige zu treffen. Während andere Reisende über den nachmittaglichen Regen klagen, ist er für uns ein Segen. Regen ist etwas Wunderbares, nicht nur für Gummistiefelhersteller und Regenwürmer, sondern auch für unsere norddeutsche Seele. Wenn jeden Tag gegen 14 Uhr die Wolken brechen, ist das für uns die Erlaubnis zu entschleunigen. Mir war nie bewusst, wie sehr wir Jahreszeiten brauchen, wie wichtig sie für Körper und Geist sind. Welch ein Segen die dunkle Jahreszeit ist, weil sie einen ausbremst, das Bedürfnis erweckt, es sich gemütlich zu machen. Im permanenten Sonnenschein brennen wir aus, ähnlich wie der Körper die Nacht braucht, um sich zu regenerieren, brauchen wir den Winter oder zumindest schlechtes Wetter, um uns aufzutanken. Vielleicht ist diese Erkenntnis ein Lichtblick für alle, denen in Nordeuropa nun die Tage kürzer werden. Genießt diese Zeit, macht es Euch gemütlich, kommt zur Ruhe und tankt auf!