Cartagena de las Indias

Kolumbien, ist das nicht dort, wo Pablo Escobar sein Unwesen trieb? Kommen von dort nicht all die Drogen die den Rest des lateinamerikanischen Kontinents ins Verderben reißen? Drogenbarone, Guerillakämpfer, Menschenhandel und paramilitärische Gruppierungen, die mordend durchs Land ziehen, daran denken viele zunächst bei Kolumbien. Vielleicht blitzen noch Assoziationen zu Kaffee, zu Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márques, dem Amazonas und indigenen Indianervölkern auf. Wenn es gut läuft. Dabei hat Kolumbien, unser nächstes Reiseland, so viel mehr als den Anschein, den das gewaltlastige Image erweckt, zu bieten.

Den Namen erhielt das Land in Anlehnung an Christopher Kolumbus. Dieser allerdings, hat Kolumbien nie betreten. Entdeckt, jedenfalls aus europäischer Sicht, wurde Kolumbien 1499 von Alonso de Ojeda und Amerigo Vespucci, die ersten kolonialen Stützpunkte waren Santa Marta, und Cartagena de Indias an der kolumbianischen Karibikküste im Norden, nahe der Grenze zum heutigen Panama.

Kolumbien ist der einzige südamerikanische Staat, der sowohl Zugang zum Pazifik, als auch zur karibischen See hat. Nach Argentinien, Brasilien und Peru ist Kolumbien das viertgrößte Land Südamerikas. Die im Norden Kolumbiens legende Sierra Nevada de Santa Marta ist das höchste Küstengebirge der Welt, ihr Gipfel mit 5,776m der höchste Punkt Kolumbiens. Nirgendwo auf der Welt existieren derart hohe Berge so nah am Meer. In Kolumbien, das von Süd nach Nord von drei Gebirgszügen, den Kordilleren durchzogen wird, sind sämtliche Klimazonen vertreten. An der Pazifikküste gibt es Mangrovensümpfe, tropischer Regenwald bewächst die Hänge der Sierra Nevada de Santa Marta und die Landbrücke nach Panama, den Darrien Gap, sowie die Amazonasregion. Die Weiten der Llanos, des Tieflandes, sind dominiert von Busch und Grassavanne, in höheren Lagen wachsen Berg-und Nebelwälder, in den ganz hohen Lagen herrscht alpines Klima. Diese einzigartigen Landschaftsräume und Klimazonen bringen eine Vielfalt zum Teil nur hier vorkommender Tieren und Pflanzen hervor. Kolumbien ist das Land mit den meisten Vogelspezies unserer Erde, allein 80 kommen nur hier und nirgendwo sonst auf der Welt vor, 3500 Orchideenarten wurden bisher entdeckt, Tendenz steigend. Kolumbien ist ein absoluter Biodiversitätshotspot und viele Landesteile, besonders im Osten des Landes sind bisher kaum erforscht.

Und doch ist das Paradies in Gefahr. Der Mensch fräst sich seinen Weg durch das Paradies, zerstört es Stück für Stück, Tag für Tag. Bewaffnete Konflikte, Landgewinnung durch Brandrodung, wachsende Monokulturen, sind nur einige der Gründe für das Schwinden der Naturräume. Zwar setzen sich der Staat, NGO s und Privatleute für den Erhalt der Natur ein (11% der Landfläche Kolumbiens ist heute als Naturreservat ausgewiesen), doch wo Mittel zur Kontrolle fehlen, existieren viele dieser Gebiete lediglich auf dem Papier. Wir sind sehr gespannt auf dieses widersprüchliche, artenreiche und spannende Land, freuen uns darauf, es einmal von Norden nach Süden zu durchfahren.

Das Erste, was wir von Kolumbien sehen, ist ein heller Leuchtstreifen am Horizont, als wir uns mit der Santana noch vier Segelstunden von der Hafeneinfahrt Cartagenas befinden. Paula und ich sitzen an Deck, unsere Mägen haben Schwierigkeiten, das Auf und Ab der Wellen zu verkraften. Nach fast 30 Stunden ohne Land in Sicht ist der senffarbene Schimmer wahrlich ein Lichtblick, endlich wieder eine sichtbare Horizontlinie, etwas auf das wir uns konzentrieren können, damit unser Gleichgewichtssinn keine Kapriolen schlägt.

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Das allerdings tut er, als wir am nächsten Morgen Land betreten, auch dann noch, als wir von unserem Hochhausapartment im Stadtteil Bocagrande auf die schimmernden Wellchen von Cartagenas Hafen blicken. Der Boden schwankt, wir fühlen uns flau. Teils, weil unser Gleichgewichtssinn noch auf schaukelnden Boden eingestellt ist, teils, weil unser Herz sich gegen den Abschied von unserer „Santana-Familie“ wehrt. Roger, diese Botschaft erreicht uns ebenfalls, sobald wir wieder festen Boden unter den Füssen haben, wird einen weiteren Tag Verspätung haben, ist derzeit noch immer in Panama. Wir werden also fast eine Woche Zeit haben, Cartagena, die angeblich schönste Kolonialstadt Südamerikas zu entdecken.

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Cartagena, „die schöne Alte“, „die Perle der Karibik“, sei sinnlicher, romatischer, geheimnisvoller als all ihre Schwestern. Seit ich Gabriel García Márquez „Liebe in den Zeiten der Cholera“ gelesen habe, trage ich dieses Bild der sinnlichen, dampfenden, betörenden Stadt in mir. Umso überraschter bin ich, als das Erste, was wir erblicken, die beleuchtete Skyline einer amerikanisch anmutenden Großstadt ist. Cartagenas Sinnlichkeit, die hatte ich mir weniger phallisch vorgestellt.

 

Um sie von der Namensgeberin, der Stadt Cartagena in Spanien zu unterscheiden, lautet ihr voller Name „Cartagena de las Indias. Dieser wird aber zumindest lokal nur selten verwendet. Seit 1984 trägt sie den Titel UNESCO Weltkulturerbestätte, ist Kolumbiens meistbesuchte Stadt. Fast täglich legen hier Kreuzfahrtschiffe an, bis zu drei zur Zeit zählen wir vom Balkon unseres Appartements im 20. Stock. Und doch verteilen sich die Touristenmassen in einer erträglichen Dichte. Zu vielseitig sind die Möglichkeiten diese Mutter aller Städte auf dem südamerikanischen Kontinent zu besichtigen.

Das Herzstück der Stadt, das, was viele meinen, wenn sie von Cartagena sprechen und das die meisten Touristen besuchen, ist „El Centro“. Paläste in allen Schattierungen von Elfenbein bis Ocker, kunstvoll geschnitzte, Bougainvillea überwucherte Balkone, Arkadengänge, palmbeschattete Innenhöfe mit Wasserspielen, Kirchen, Klöster, Edelrestaurants und Designerläden, schattige Parks auf deren Bänken greise Herren Zeitung lesen oder Domino spielen, sonnenbeschienene Plazas auf denen die Kleider der Palenqueras mit den Obstkörben auf ihren Köpfen um die Wette leuchten, über die am Abend das Geklapper der Pferdekutschen halt, die Touristen durch die engen Gassen fahren. Hier verbringen wir ganze Tage und Abende, genießen köstliches Eis, lauschen den Gitarren spielender Studenten, sind ein wenig genervt von den penetranten Schmuckverkäufern und können doch nicht genug bekommen von diesem bezaubernd restaurierten Altstadtkern, in dem jeder Stein Geschichten zu erzählen scheint.

San Diego, der Stadtteil der etwas nordöstlich, ebenfalls innerhalb der 11km langen, 450 Jahre alten Stadtmauer liegt, erscheint ein bisschen weniger prunkvoll, etwas bunter in keiner Weise aber weniger charmant. Hier begegnet man tatsächlich hin und wieder einem unrestaurierten Kleinod und jedes Mal bleiben wir stehen, beginnen zu phantasieren, zu planen und uns auszumalen, wie wir hier loslegen würden, wäre es bezahlbar.

Etwas bunter, weniger gediegen geht es im Stadtteil Getsemaní zu. Einst das Wohnquartier der kleinen Leute, der Handwerker und Schankwirte, befinden sich hier heute ein Großteil der kleinen Boutiquehotels, Hostels und Backpackerunterkünfte. Nachts tobt hier das Leben in den Bars und Diskotheken, tagsüber leuchten die Fassaden der hübschen Häuschen, Wimpelketten und Wandmalereien mit den Gesichtern der fotografierenden Besucher um die Wette.

Wenn wir am Abend von unseren Streifzügen nach Hause kommen, zurück in das geordnete, vornehmlich weiß gestrichene, von modernen Wolkenkratzern bestimmte Bocagrande, von unserem Balkon über die Skyline blicken, dann freuen wir uns über die Weite, über den Platz, der im Kopf entsteht, wenn man von oben auf das Gewusel blickt. Es ist genau der richtige Ort, um uns auf den neuen Kontinent vorzubereiten. Wir fühlen uns unbesiegbar, so unbesiegbar wie die Stadt zu unseren Füssen.

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Viele Male in ihrer Geschichte wurde sie von Seeräubern überfallen, ausgeraubt, hat man versucht sie zu unterwerfen. Cartagena galt lange Zeit als das Verbindungstor zwischen Europa und der neuen Welt. Von hier aus wurden die Schätze der indianischen Kulturen nach Europa verschifft, hier wurden Waffen, Pferde und Rüstungen entladen, von hier wurden afrikanische Sklaven weiterverkauft, hier war der Ausgangspunkt der europäischen Raubzüge ins Inland. Als die Spanier die Plünderungen ihres Kolonialhafens satthatten, begannen sie mit dem Jahrhunderte andauernden Bau einer aufwändigen Befestigungsanlage, die bis heute fast vollständig erhalten ist. Eine Mauer unter der Wasseroberfläche verschließt die Hafeneinfahrt des Bocagrande, sodass feindliche Schiffe gezwungen waren, die kleinere durch Forts gesicherte Zufahrt „Boca Chica“ zu nutzen. Hielten die Schiffe dem Beschuss der Forts an der Boca Chica stand, mussten sie die Festungsanlage „Castillo de San Felipe“ bezwingen. Es ist das größte Fort, das die Spanier während ihrer Herrschaft in Lateinamerika errichteten, gilt als Musterbeispiel spanischer Militärbaukunst. Der letzte, der versuchte, Cartagena einzunehmen war der englische Vizeadmiral Edward Vernon, der 1741 mit einer Armada von 20.000 Mann und einer Flotte von 186 schiffen vor der Küste Cartagenas auftauchte. In einem fast 70 Tage dauernden zähen Kampf gelang es dem spanischen Admiral Blas de Lezo y Olavarrieta, auch genannt „der Halbe Mann“, da er nur noch über ein Auge, einen Arm und ein Bein verfügte, die englische Flotte zum Rückzug zu bewegen. Und das, obwohl ihm nur sechs Fregatten und nicht mehr als 3500 Soldaten zur Verfügung standen. Zwar verlor er in dieser Schlacht sein zweites Bein und nur vier Monate später infolge dessen auch sein Leben, der Ruhm Cartagenas als “unbesiegbare Stadt“ aber ist für alle Zeiten fest mit seinem Namen verbunden.

Eine unbesiegbare Stadt, eine der schönsten Kolonialstädte Lateinamerikas, ein Fest für die Sinne sind die ersten Eindrücke, die uns in Südamerika empfangen. Wenn das kein gutes Omen ist.

San Blas Islands- Kuna Yala

Als Janoschs kleiner Tiger eine Bananenkiste mit dem Aufdruck Panama findet, beschließt er, dass Panama das Land seiner Träume sein muss, weil es dort überall nach Bananen riecht. Dort aber, wo Panama am allerschönsten ist, da riecht es nicht nach Bananen, sondern nach salziger Meeresluft, nach geräuchertem Fisch und Kokosnuss.

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Insel San Blas

An der Nordwestküste Panamas in der Karibik liegt das Archipel San Blas, eine Kette aus 378 Inseln, die sich über 180 km bis nach Kolumbien erstrecken. Kuna Yala, wie der heutige offizielle Name der San Blas Inseln lautet, bedeutet übersetzt: Land der Kuna. Die Kuna Indianer verwalten dieses, sich über 2.300 km² erstreckende Gebiet seit 1925 autonom, bewohnen knapp 50 der 378 Inseln, alle anderen sind unbewohnt. 300.000 Kuna Indianer leben heute vor allem in Panama, Costa Rica und Kolumbien, über 30.000 von ihnen in Kuna Yala. Anders als auf vielen anderen Karibikinseln findet man im Kuna Yala Archipel nicht die Spur von Massentourismus. Die wenigen einfachen Herbergen, Restaurants oder Bars werden ausschließlich von Kunaindianern geführt, westlichen Komfort sucht man hier vergeblich. Geschlafen wird in Hängematten, gegessen wird das, was das Meer und die Inseln hergeben: vor allem Kokosnüsse und Fisch. Die Kuna sind ein stolzes Volk, pflegen ihre eigenen Regeln, Gesetze und Gebräuche. Sie sind sanfte und freundliche Menschen, achten aber darauf, dass Touristen ihre Regeln nicht brechen. So ist es in Kuna Yala verboten, ohne zu fragen eine Kokosnuss zu nehmen oder Fische zu fangen. Beachtet man dieses Verbot nicht, drohen saftige Strafen. Gut, wenn man jemanden dabei hat, der sich mit den Gesetzten der Kuna auskennt. In unserem Fall ist das Kapitän Michel. Er wird uns und acht weitere Backpacker in den nächsten 5 Tagen auf dem Katamaran Santana von Panama nach Kolumbien segeln.

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Hütten der Kuna in  Kuna Yala

Als am Nachmittag um 17 Uhr einer nach dem anderen im verabredeten Restaurant „Casa X“ im wenig hübschen Puerto Lindo eintrudelt, bin ich nervös. Allein die Taxifahrt hierher hat meinen Magen ziemlich strapaziert. Zu viert auf der Rückbank, zu zweit auf dem Beifahrersitz in einem kaum fahrtüchtigen Taxi, enge Kurven, bergauf und bergab, immer wieder fielen dem Taxifahrer die Augen zu, weil er bereits seit 10 Stunden am Lenkrad saß. Timm hatte diese Fahrt schon vor mehreren Tagen mit ihm verabredet, weil er Mitleid mit dem armen Mann hatte, der so dringend die Stoßdämpfer seines Taxis reparieren musste. Vor jedem Hubbel bremste er uns in den Stand, um vorsichtig über das Hindernis zu fahren, und dann in Sekunden wieder auf 80 km/h zu beschleunigen. Diese Fahrt, welche ihm ein kleines Vermögen einbrachte, soll in Zukunft diesen unhaltbaren Zustand ändern.

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das nicht schöne Playa Linda

Nach dem Abendessen im „Casa X“ werden wir vom Eigner des Bootes in die Marina von Puerto Lindo gefahren, beziehen unser Quartier auf der Santana. Während sechs der Backpacker in kleinen Kabinen in den Kufen des Katamarans einziehen, hat Michel für uns und die Kinder Betten im Gemeinschaftsraum reserviert. Zunächst fühle ich mich ein wenig auf dem Präsentierteller, da Timm’s und mein Bett sich zwischen dem Esstisch und dem Steuer des Schiffes befindet, wir eigentlich zu jeder Tages- und Nachtzeit unter Beobachtung stehen. Spätestens aber, als wir uns ein paar Stunden später auf dem offenen Meer befinden, der Katamaran sich durch 3m hohe Wellen kämpft, bin ich heilfroh um diesen Platz. Es sind die letzten Ausläufer eines Unwetters, das hier die letzte Woche getobt hat und uns nun quält: Paula und ich kotzen uns die Seele aus dem Leib. Irgendwann wird es auch Timm zu viel und er hängt über der Reling. Als ich es nicht mehr schaffe, rechtzeitig an Deck zu kommen, nimmt Michel, später auch der Koch Francisco meine und Paulas vollgekotzten Papiertüten an, um sie über Bord zu werfen. Es fällt mir am nächsten Morgen etwas schwer, den beiden unter die Augen zu treten und ein wenig beschämt schrubbe ich unsere nächtlichen Eskapaden vom Deck.

Kurze Zeit später erreichen wir Kuna Yala. Während Michel mit unseren Pässen an Land zum Zoll fährt, um uns offiziell in Panama aus zu stempeln und die Kuna Steuer von 20 $US zu entrichten, frühstücken wir anderen, bzw. die anderen. Ich hänge noch ein bisschen in den Seilen. Der Himmel ist bedeckt, die Sonne kommt nicht durch- weder am Himmel, noch in meinem Kopf. Ich brauche den ganzen Tag, um mich von der schlaflosen, schaukeligen Nacht zu erholen. Die Backpacker die mit uns reisen sind ein bunter Haufen lustiger Menschen und schon in den ersten Stunden wissen wir, dass wir mit dieser Gruppe eine gute Zeit verbringen werden. Besonders die Kinder schließen schnell Freundschaft und nach kurzer Zeit folgt Max Cedric, einem Deutsch- und Französischlehrer aus Belgien auf Schritt und Tritt.

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Fischerhütte

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Esssenszeit

Den Tag verbringen wir vor Anker, schwimmen vom Boot auf eine Mini-Insel, wo wir im Schatten der Kokospalmen die Reste der Nacht verdauen, Volleyball spielen, lesen und einander kennenlernen. Das Meer ist spiegelglatt, und so klar, dass wir die Zeichnung der Rochen erkennen können, welche die Santana umkreisen. Der Koch Francisco zaubert uns phantastisches Essen und zu den Klängen seiner Gitarre und dem sanften Schaukeln des Katamarans schlafen wir am Abend zufrieden ein.

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Die nächsten Tage wechseln wir jeden Morgen unseren Ankerplatz, bleiben dann den Tag über zwischen traumhaften Inseln vor Anker, schwimmen schnorcheln, statten den Kuna Indianern die auf den Inseln wohnen einen Besuch ab. Sie empfangen uns als ihre Gäste, Michel handelt mit Ihnen einen Preis aus, für den sie uns ihre Küchenstelle für ein BBQ nutzen lassen, uns am Abend ein Lagerfeuer bereiten und Cocos Locos servieren. Coco Loco, das ist eine frische Kokosnuss, die mit einem Loch versehen wird durch das deren Kokoswasser mit Rum „veredelt“ wird. Die letzte Woche war diese Insel überflutet, es war den Indianern nicht möglich, fischen zu gehen oder Boote vom Festland zu empfangen. In solchen Zeiten, so Michel, hungern die Kuna. Umso froher sind sie über den Reis und Kaffee, den Michel Ihnen mitgebracht hat. Alles außer Fisch und Kokosnüsse beziehen sie vom Festland, selbst Frischwasser, da die Quelle auf Ihrer Insel nur Brackwasser führt. Wir wandern über die Insel, besuchen die Großmütter, die vor ihrer Hütte Kuna- Kunsthandwerk verkaufen. Neben Perlenketten, die kunstvoll um Fuß-und Handgelenke geknüpft werden, verkaufen die Frauen vor allem Molas. Die Frauen der Kuna Indianer  tragen diese kunstvollen Muster als Stickereien auf ihren Blusen, an Touristen werden sie jedoch nur als bestickte Stoffe verkauft, weil die Kuna nicht möchten, dass Fremde ihre traditionelle Kleidung tragen. Die Muster, die auf den Molas dargestellt werden, gelten als das geistige Eigentum der Kuna. Niemand, der nicht selbst ein Kuna ist, darf diese Stickereien anfertigen und verkaufen. Der Handel wir streng kontrolliert und außerhalb der Länder in denen Kuna leben, ist ein Molaerwerb nicht gestattet. Im Mai 2019 erwirkten die Kuna, dass Nike eine Sonderedition des „Air Force 1“ Schuhs noch vor der Markteinführung einstampfen musste, weil ihn Muster aus der Kuna- Tradition zierten. Auch wir erliegen der Schönheit der Stickereien und kaufen den fast hundertjährig wirkenden Damen zwei Molas ab.

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Kuna Frau knüpft traditionellen Knöchelschmuck

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Mola, modern

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traditionelles Mola

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schnorcheln

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Carl und Max mit ihren Kuna Freunden

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„Wald“ auf einer größeren bewohnten Insel

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tropisches Paradies

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Muscheln am Strand

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Hütten der Kuna

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Einbaum der Kuna

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Lagerfeuer am Strand

Den ganzen Vormittag beäugen Carl und Max zwei kleine Jungen, die mit ihrer Familie auf dieser Insel leben. Neugierig streifen sie aneinander vorbei, werfen sich immer wieder scheue Blick zu. Auf meine Frage, ob sie nicht mal Hallo sagen wollen, entgegnet Max, dass er seine ganz eigene Strategie verfolgt. „Wenn man mit jemandem spielen möchte“, so seine Erkenntnis, „muss man immer vor dessen Nase herumlaufen und so tun, als hätte man was ganz Wichtiges zu tun“. Dunkel erinnert mich das an Timm’s frühen Eroberungsversuche und genau wie die irgendwann zum Erfolg geführt haben, springen auch unsere Jungs kurze Zeit später fröhlich mit den Kunajungs im strahleblauen Wasser herum, spielen mit dem Einbaum, kicken fröhlich einen Fußball. Einer der kleinen Jungs trägt ein Bayern-München Trikot- ohne jedoch zu wissen, was das bedeutet. Am Abend schenken sie den Jungen Kokosnüsse am Lagerfeuer, tanzen mit uns klettern auf die Spitze unserer Menschenpyramiden. Es ist eine wundervolle Begegnung und wir freuen uns darüber, wie offen die Kinder geworden sind, wie wenig Zeit sie inzwischen brauchen, um Freundschaften zu schließen. Als wir am nächsten Morgen die Anker lichten, laufen die beiden am Strand ihrer Insel entlang, winken bis wir uns nicht mehr sehen können. 

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Santana vor Anker

Auch diese leider letzte Inselgruppe bevor wir die große 36 Stunden Überfahrt nach Kolumbien antreten, ist das reinste Paradies. Unsere Ankerstelle liegt geschützt zwischen 3 unbewohnten Inseln. Wir erschwimmen alle drei, zwischen uns Rochen und ein Ammenhai. Zwei Kuna kommen mit dem Einbaum zu uns gerudert, verkaufen Hummer, den Francisco zum Abendessen vorbereitet. Als wir bei Sonnenuntergang die Anker lichten, sind wir alle traurig, dieses Paradies verlassen zu müssen und ein wenig angespannt, die nächsten 36 Stunden kein Land mehr zu sehen. Um nicht wieder über der Reling zu hängen, nehmen wir dieses Mal alle Medikamente, die uns so träge machen, dass wir die nächsten eineinhalb Tage im Dämmerzustand verbringen. Überall auf dem Katamaran verteilt liegen wir schlafend, lesend, dösend, beobachten die fliegenden Fische, die in ganzen Schwärmen vor uns flüchten, kolibrigleich bis zu 50m über die Wasseroberfläche schwirren. Auf dem Weg ins offene Meer begleitet uns eine Delphinfamilie, springt vor dem Katamaran aus dem Wasser. Wir alle liegen bäuchlings auf dem Vorderdeck und genießen das Schauspiel.

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Delphine begleiten uns

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Delphinbeobachtung

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Sonnenuntergang auf der Santana

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Fischer in Kuna Yala

 

Dieses Mal muss niemand spucken, so ganz wohl aber fühlt sich auch kaum jemand, obwohl es laut Michel die entspannteste und ruhigste Überfahrt seit langem war. Einen ganzen Tag sehen wir nichts als wogendes Wasser und Wolken, einmal um 15 Uhr ein anderes Segelboot und um 17 Uhr ein Tankschiff in weiter Ferne. Als wir am frühen Morgen der zweiten Nacht auf See am Horizont die Lichter des noch 4 Segelstunden entfernten Cartagenas erblicken, sind wir gleichermaßen froh, dass der Boden unter den Füssen bald nicht mehr schwanken wird und unglücklich über den baldigen Abschied von der Santana, Michel und Francisco, sowie von unseren neuen Freunden. Vor allem aber sind wir unendlich dankbar für dieses wundervolle Erlebnis!

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Fischer verkaufen Hummer

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Santana

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Panama City

Ich hätte nie gedacht, dass uns ein Tankstellencamp wie das Paradies erscheinen würde. Tatsächlich aber sind wir selig, als wir die Dauerbeschallung mit lateinamerikanischen Rhythmen gegen das Röhren von Motorbremsen austauschen können, auf einer der saubersten Tankstellen seit den USA duschen, Wäsche waschen und das WiFi nutzen dürfen. Wir parken im Blick der Sicherheitskamera auf der Rückseite des Tankstellengebäudes unter Flutlicht, schaffen es tatsächlich, die erste Nacht seit Costa Rica ein wenig zu schlafen. Nur widerwillig trennen wir uns nach dem Mittagessen von der Tankstelle, die uns ein bisschen vorhersehbare, geordnete Welt vorgaukelt und machen uns, vollgetankt und frisch gewaschen, auf den Weg nach Panama City.

Anders als in Costa Rica brennen in Panama wieder Müllfeuer am Straßenrand, es riecht nach Abwasser und Plastikrauch, zwischen Take Away Verpackungen und Plastikflaschen rotten die Kadaver überfahrener Tiere. Der Fahrtwind bringt kaum Abkühlung, wir schwitzen und kleben, halten die Luft an, wenn der Geruch von draußen zu schlimm wird. Jetzt in der Trockenzeit haben viele Bäume ihre Blätter verloren, das Gras ist trocken und gelb, die mageren Tiere finden kaum Futter zwischen Plastiktüten am Randstreifen der Straße und irgendwie spiegelt die Kargheit im Außen unsere Stimmung wieder. Es ist nicht einfach, sich wieder an die Enge in Roger zu gewöhnen, wir alle müssen uns zusammenreißen, damit die Stimmung nicht kippt. Trotz der Hitze gelingt es mir einfach nicht, mit Panama warm zu werden.

Als wir im Licht der Nachmittagssonne über die Puente de las Américas über den Kanal fahren, denken wir alle daran, wie es war, vor fast genau einem Jahr über die Golden Gate Bridge nach San Francisco zu rollen. So anders ist der Anblick nicht. Vor uns glitzert die Sonne in der Skyline aus verspiegelten Wolkenkratzern. Vieles hier, das wussten wir bereits, wirkt amerikanisch. Und trotzdem ist es ein kleiner Schock nach all der staubigen Ödnis und dem zentralamerikanischen Gewusel der letzten Tage.

Lange hatten die USA einen gewaltigen Einfluss in Panama, haben überall ihre Spuren hinterlassen. Auch die Brücke über die wir fahren, wurde 1962 von den Amerikanern erbaut, war über 40 Jahre lang die einzige Landverbindung zwischen Nord- und Südamerika.

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Am 3 November 1903 sagte sich Panama mit der Unterstützung der USA von Kolumbien los, und gründete den souveränen Staat Panama. Dies war der Beginn einer Reihe von Eingriffen, der USA in die politischen und wirtschaftlichen Geschicke Panamas. Kolumbien erkannte Panamas Souveränität erst 18 Jahre später an, nachdem die USA ihnen eine Entschädigung von 25Mio US$ zahlte. Die USA hingegen erhielt die Kanalbaurechte des Panama Kanals und die Hoheitsrechte über die Kanalbauzone für alle Zeiten. 1904 Begann man mit den Bauarbeiten des Kanals und nach nur 10 Jahren durchfuhr das erste Schiff das bis dahin größte Bauwunder aller Zeiten. Erste Arbeiten hatten unter französischer Führung schon 1881 begonnen, waren aber nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Nachdem es immer wieder zu Spannungen zwischen Panama und den USA kam, unterzeichnete der US Präsident Carter zusammen mit dem damaligen Präsidenten Panamas Torrijos 1977 den Carter Torrijos Vertrag, der die Übertragung der gesamten Kanalzone von den USA an Panama bis Ende 1999 zusicherte. Heute  sind der Panamakanal und die Registrierung von Schiffen die wichtigsten Einkuftsquellen des Landes. Jedes 5. Schiff der Welt ist aufgrund der unkomplizierten Verfahren in Panama registriert. Die Handelsflotte ist die größte der Welt, wobei sich auch hier ein Großteil der Schiffe in ausländischem Besitz befindet. Zahlreiche Freihandels-und Sonderwirtschaftszonen, geringe Steuren und eines der größten Bankwesen der Welt  machen Panama zu einem äußerst interessanten Firmenstandort und aufgrund dieser Tatsache ist das Land eines der Reichsten in Lateinamerika.

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Mit Hilfe der IOverlanderapp finden wir einen sicheren Stellplatz in einer Sackgasse am Radisson Hotel, mit Blick auf den Panama Kanal.

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Nach einem schnellen Essen machen wir uns auf den Weg, Panama Stadt zu besichtigen. Mit einem Uber fahren wir in Panamas Altstadtkern, den Casco Viejo. 2003 Zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt, sind viele der bis dahin bröckelnden Fassaden aufwendig restauriert worden oder werden gerade renoviert. Überall wird gediggert, gemauert, gepinselt, die Bauschilder verraten eine erstaunlich internationale Beteiligung. Hier wird viel Geld bewegt, und leider, dass ist die Schattenseite der Entwicklung, verdrängt das die ursprünglichen Bewohner des alten Stadtkerns in die Randgebiete. Wir wandern vom Plaza de Independencia, wo Panama 1903 seine Unabhängigkeit von Kolumbien deklarierte zur Iglesia San José, deren gigantischer goldener Altar durch einen Priester von der Plünderung durch Piraten gerettet werden konnte, indem er ihn schwarz anmalte.

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Wir bummeln durch europäisch anmutende, von zuckerbunt bemalten Stuckpalästen gerahmte Straßen und Pflastergassen, entspannen auf Parkbänken unter riesenhaften Bäumen, deren Luftwurzeln wie vergessenes Lametta von den Ästen baumeln.

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Neben uns sitzen drei Männer, ihr graues Haar beschattet von hellen Strohhüten. Gemeinsam lesen sie Zeitung, reichen jede gelesene Seite an den Nachbarn weiter, der letzte in der Reihe stapelt sie dann ordentlich neben sich auf der Bank. Zwischen zwei umgedrehten Colakisten spielen zwei Männer auf einem Klappbrett Schach, eine betrunkene Mulattin streitet mit der Büste eines Freiheitskämpfers, eine dicke Dame schleppt schwer an einer Kühltasche, die, wie sie verkündet, das beste Ceviche Casco Viejos enthält. Amselartige Vögel zwitschern gummientenartig von Baum zu Baum, es riecht nach Abgasen, Urin, Waschmittel und trockenem Laub.

Jenseits der ehrwürdigen Stuckpaläste des Casco Viejo, nur ein paar Minuten entfernt vom Nationaltheater, den Kirchen und Bibliotheken ist nichts mehr von charmant bröckelnder Geschichte zu finden. In der Avenida Central, der Hauptfußgängerzone Panama Cities, springt einem die Gegenwart mit der Eleganz einer abgetakelten Hafenhure ins Gesicht. Ein buntes Gewusel aus einem schaurigen Zuviel von allem: zu viele Menschen, zu laut, zu viele Gerüche vor allem grauenhaften Ursprungs, zu viele Tauben, zu viel Müll und Dreck, zu viel Kram, den niemand kauft, zu viele Menschen, die irgendwie mit Mühe und Not ihr Leben bestreiten müssen. Das dies nicht immer auf ehrliche Weise geschieht, liegt als knistrige Gewitterspannung in der Luft. Wir fühlen uns unwohl, wollen irgendwann nur noch weg, zurück in die geordnete Welt des Altstadtkerns.

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Als wir wenig später statt in der Altstadt auf der Kaimauer sitzen und auf die blau schimmernden Hochhäuser des Bankenviertels blicken, können wir kaum begreifen, dass diese zwei Welten nur 5 Autominuten voneinander entfernt sind.

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So wird es uns oft gehen in den nächsten zwei Tagen, in denen uns die Gegensätze Panama Cities immer wieder erschüttern. Verspiegelte Hochhäuser, neben nur von bröselndem Putz und Farbe zusammengehaltenen Mietshäusern, Luxusyachten, neben rostigen Fischkuttern, Highend Shoppingmalls, neben denen von Abwässern verseuchte Gräben und Flüsschen faulen, palmengesäumte Parks mit brandneuen unbenutzten Fitnessgeräten, Basketballcourts und Tennisplätzen, vollgekackte Rasenflächen, auf denen sich der Unrat stapelt …

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Entlang der Bahía de Panamá erstreckt sich ein wunderbar ausgebauter Fahrrad- und Spazierweg, der außer von uns und ein paar Expatjoggern so gut wie ungenutzt ist. Niemand sitzt auf den zahlreichen schattigen Bänken, die einzigen Einheimischen scheinen die Gärtner zu sein, welche die aufwändigen Blumenbeete wässern und die Hecken schneiden. Mit den Fahrrädern fahren wir auf den mit dem Aushubmaterial des Kanals aufgeschütteten Damm, gucken den Containerschiffen hinterher und fragen uns, warum sich in den siffigen Teilen der Stadt die Menschen stapeln und niemand hier den Sonnenuntergang betrachtet.

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Wir treffen unseren Freund Benjamin, bei dem wir in Nicaragua zu Gast waren und den sein Job zufällig zur gleichen Zeit nach Panamá geführt hat. Wir wollen unser Wiedersehen angemessen feiern, trauen den Bewertungen, welche das angeblich beste Chinarestaurant der Stadt anpreisen und landen in einem sehr zwielichten Etablissement. Während im zweiten Geschoss eine geheime Gesellschaft zu feiern schein, die einen anderen Eingang als wir benutzen, werden wir in einen mit einem Vorhang abgetrennten, von Kameras überwachten Lagerraum gesetzt, in dem sich Servietten, Zutaten und Tischdecken stapeln und vielleicht mehr aus Zufall einige Tische und Stühle stehen. Das Essen ist lausig, meine Wantan schmecken wie mit Pansen gefüllt und als Timm sich auf der Suche nach einer Toilette in die Küche verirrt, stolpert er über eine Wanne voller Schildkröten. Wieder einmal gibt es vor dem Einschlafen homöopathische Kügelchen für alle und ein kleines Stoßgebet gegen Magen Darm Verstimmung.

Am nächsten Tag müssen wir schon um fünf Uhr aufstehen, um den für die Verschiffung erforderlichen Polizeicheck zu erledigen. Die Gegend wirkt wenig vertrauenserregend, in der Sackgasse auf der anderen Seite der Straße schimmert ein Abwassergraben grün, die Bewohner scheinen ihren Müll direkt aus den Fenstern zu entsorgen. An den Wäscheleinen auf den Balkonen trocknen Babywäsche und blendend weiße Hemden. Hier wohnen Menschen, die zur Arbeit gehen, die weiße, gestärkte Hemden tragen, hier leben Babies und Kleinkinder. Das hier ist kein Elendsviertel, in dem Drogenabhängige und Säufer vegetieren, sondern ein Wohnviertel, in dem Mütter ihre Kinder an der Hand zur Schule bringen. Eine Straßenkehrerin fegt mit selbstgebauter Schaufel und einem Besen den Müll von der Straße und ich überlege, ob Straßenkehrer hier aufgrund des unfassbaren Arbeitspensums an Burnout erkranken. Wo anfangen bei all dem Müll? Am besten gar nicht, denkt sich die Straßenkehrerin, setzt sich auf den Bürgersteig und raucht eine Zigarette.

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Als wir endlich das Polizeizertifikat, das bezeugt, dass wir uns in Panama keines Vergehens schuldig gemacht haben, in der Tasche haben, fahren wir so schnell der dichte Stadtverkehr es zulässt nach Colón. Weil zwischen Panama und Kolumbien 100 km Straße  durch den Darrien Gap fehlen, muss jeder Overlander hier sein Gefährt verschiffen. Auch Roger müssen wir für die berühmt berüchtigte Überfahrt präparieren.  Die Überfahrt dauert nur 24 Stunden, die Vorbereitungen sind aber genauso aufwendig wie die für die Verschiffung von Europa nach Kanada, der Preis ist ebenfalls ein Ähnlicher. Anders als die Strecke Liverpool/Halifax allerdings ist die Strecke Colón/Cartagena berüchtigt dafür, dass Autos aufgebrochen und beschädigt werden. Von völlig leer geräumten Wohnmobilen haben wir in diversen Foren gelesen und sind ziemlich nervös. Auf einer Farm etwas außerhalb Colons bereiten wir Roger bis tief in die Nacht vor, verstauen jedes bewegliche Teil im Wohnkoffer, verrammeln die Dachluke, die oft als Einstieg benutzt wird mit unserem Esstisch, und als wir nach Mitternacht fertig sind, kann man sich an der Eingangstür nur wenige Zentimeter um sich selbst drehen.

Nachdem wir Roger am Hafen abgeliefert haben, harren wir die nächsten Tage auf der Gästefarm „La Granja“ aus, warten auf gutes Wetter. Zweimal wird die Abfahrt des Katamarans, der uns nach Panama segeln soll verschoben, auf dem Meer tobt ein Sturm, der Himmel ist grau verhangen. Die Farm allerdings ist der perfekte Ort, um ein paar Tage Zeit totzuschlagen. Die Kinder füttern Kaninchen, Pferde und Schafe, kraulen Schweine, beobachten Schmetterlinge und Wasserbüffel, wir wandern über das weitläufige Gelände, fliegen an der hauseigenen Zipline über das Panamakanaldelta. Doch so groß das Glück, diesen perfekten Ort gefunden zu haben, so ungeduldig sind wir, endlich die nächste Etappe unserer Reise anzutreten und Südamerika zu erobern. Panama, das müssen wir uns eingestehen, fühlt sich für uns an, wie die Anreise, bevor es richtig losgeht.

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