Baños

„Happy wife, happy life“- dachte Timm, als er in Roger eine Waschmaschine einbaute, um mir das Leben zu erleichtern. Diese Waschmaschine funktioniert schon seit Monaten nicht mehr und tatsächlich vermisse ich sie kein bisschen. Entweder geben wir unsere Wäsche an den zahlreichen Wäschereien ab oder ich bekämpfe die Berge stinkender Kleidungsstücke mit Nagelbürste und Seife. Manchmal sind es genau diese simplen Tätigkeiten, die ich brauche, um mich wieder zu erden. Früher war Wäschewaschen für die Frauen eine willkommene Abwechslung, sich die öde Alltagsarbeit mit ein bisschen Tratsch und Klatsch und Freundinnenzeit zu versüßen. In vielen Dörfern findet man noch heute alte Waschhäuser. In Baños ist der Waschplatz, an dem sich die Frauen trafen, besonders schön. Er liegt unterhalb des Wasserfalls, wird von diesem dauerhaft mit frischem Wasser gespeist. Ich stelle mir vor, wie die Frauen des Dorfes hier fröhlich schnatternd, mit hochgekrempelten Ärmeln, die Hände im Seifenschaum die Wäsche ihrer Familien bearbeiten, als mich ein schriller Pfeifton aus den Gedanken reißt.

„Fliegeralarm!“ rauscht es mir durch den Kopf, Adrenalin lähmt kurzzeitig meinen Verstand. Ich brauche einen Moment, mich wieder zu beruhigen. Die Sirene, die von allen Seiten des Canyons in dem Baños liegt, widerhallt, klingt zwar wie die Sirenen, die man aus Kriegsfilmen kennt, soll aber die Bewohner statt vor Fliegerbomben vor den Ausbrüchen des Hausvulkans, des Tungurahua, warnen. 

Immer wieder hat der Tungurahua, einer der aktivsten Vulkane Ecuadors, Baños unter einer dicken Schicht Asche begraben. Zuletzt musste 1999 die gesamte Stadt evakuiert werden, als der Vulkan ausbrach und zwei Wohngebiete mit einer Lava- und Schlammlawine überrollte. Zwar kam keiner der 22.000 Einwohner zu Schaden, Baños allerdings wurde zum Katastrophengebiet erklärt, Militär übernahm die Kontrolle in der Stadt und die Einwohner durften viele Monate nicht zurückkehren. Als Gerüchte von Plünderungen und wilden Parties mit Prostituierten die Runde machten, beschlossen die Einwohner, sich ihre Stadt zurückzuerobern. Der Protestmarsch und der anschließende Wiederaufbau gingen als „der große Ascheputz“ in die Geschichte ein und noch heute sind Wehrhaftigkeit, Mut und Entschlossenheit Eigenschaften auf die Bañeños großen Wert legen. Seit 1999 spuckt der Tungurahua kontinuierlich Rauch und Asche, steht unter strenger Beobachtung. 2006 und 2008 regnete es Asche und Gestein, 2010 brach der Vulkan erneut aus. Die dabei entstandene Aschewolke reichte über zehn Kilometer hoch, führte zur Schließung des Flughafens und aller Schulen der größten Stadt Ecuadors, Guayaquil, sowie zur Evakuierung mehrerer Dörfer. 2012 und 2013 eruptierte der Vulkan, schleuderte tonnenweise Asche sowie glühende Gesteinsbrocken in die umliegenden Gebiete, 2014 blieb es bei einer 10km hohen Aschewolke. 2015 und 2016 war der Vulkan ebenfalls äußerst aktiv, stieß wieder Aschewolken aus. Erst seit Mitte 2016 setzte man die Alarmstufe Orange herab auf gelb. 

Leben am Fuß einer Zeitbombe- für uns unvorstellbar, für Maria völlig normal. Sie lebte in einer der 1999 verschütteten Siedlungen, war damals noch ein kleines Mädchen. „Wir haben nicht gedacht, dass es schlimm werden würde und nur das Nötigste gepackt, als wir evakuiert wurden. Am nächsten Tag aber war unser Dorf verschwunden. Das war schwer zu verstehen.“ Die Regierung habe mit ausländischer Hilfe damals allen neue Häuser zur Verfügung gestellt, erzählte sie, als wir gestern über die Trümmer und überwucherten Überreste ihres einstigen Zuhauses kletterten. Ob sie Angst hat, wollte Carl wissen. Noch immer ist die Zerstörung bringende Schneise des einstigen Lahars deutlich zu erkennen. Kein Bäumchen mag dort wachsen. Angst habe sie nicht, im Gegenteil, sie sei sehr froh hier leben zu dürfen. Schließlich sorge die Vulkanasche für extrem fruchtbare Böden. Ohne zusätzlichen Dünger wachse hier alles in Hülle und Fülle, ihr Bruder habe eine Baumtomatenplantage und die Baumtomaten aus Baños gelten landesweit als besonders gut. 

Es ist aber nicht nur der fruchtbaren Boden der Region, sondern vor allem die atemberaubende Lage und die reichlich sprudelnden Quellen heilenden Thermalwassers, die Baños zu einem der beliebtesten Urlaubsorte Ecuadors machen. Baños liegt in einem tiefen Tal, dass sich der Rio Pastaza in die Anden der Ostkordiliere gefressen hat, gilt als das Tor nach Amazonien. Hier gedeihen dichter Dschungel, unzählige Wasserfälle rauschen von den steil aufragenden Klippen hinab ins Tal, es herrscht das ganze Jahr Frühling.

Heiße schwefelhaltige Quellen sprudeln vielerorts an die Oberfläche- ihnen verdankt der Ort den Beinamen „Agua Santas“ (heiliges Wasser). Normalerweise ziehen vor allem zum Wochenende kleine und große Prozessionen zu Ehren der Jungfrau des heiligen Wassers durch die Straßen. Heute allerdings schmücken die zahlreichen Marienstatuen entlang der Hauptstraße keine frischen Blumen, keine Prozessionen ziehen durch die Straßen. Die meisten der Geschäfte des Ortes sind geschlossen, die ansonsten vielfältige touristische Infrastruktur liegt brach, die Becken der Thermalbäder sind leer. Es fahren keine Busse, Märkte und Geschäfte sind geschlossen, nur wenige Restaurants und eine Handvoll Unterkünfte sind geöffnet. Baños ist „semáforo rojo“ Gebiet, es gelten Ausgangs- und Fahrbeschränkungen- und daran soll uns die Sirene erinnern, deren schriller Ton an unserem Trommelfell zerrt. Es ist 18 Uhr, Sperrstunde. Niemand darf sich mehr außerhalb der Wohnung aufhalten. 

Zügig gehen Timm und ich zurück zu Roger, der in der Nähe des Wasserfalls neben einem Spielplatz geparkt ist. Die Kinder maulen, als wir sie rufen, keiner von uns hat Lust die nächsten Stunden auf 12 Quadratmetern zu verbringen. Hier mitten in der Stadt aber haben wir keine andere Möglichkeit, als uns den Vorschriften zu beugen. In halbstündigem Abstand patrouilliert die Polizei die Gegend und wer sich noch draußen aufhält, muss mit Geldstrafen rechnen. Nachdem wir uns in den Monaten auf der Finca Sommerwind so gut wie gar nicht außerhalb des Fincageländes aufhalten konnten, ist allein der Kulissenwechsel für uns ein großes Glück. Wenn auch ich das nicht immer fühlen kann. In Ibarra lebten wir in unserer Coronablase, bekamen relativ wenig von außerhalb mit. Seit wir wieder unterwegs sind, ist Corona allgegenwärtig, wir können den Virus und seine Auswirkungen auf die Menschen nicht ausblenden. Oft wiegt die Not der Menschen, die ohne den Tourismus kaum überleben können schwer auf meinem Gemüt. Überall werden wir fotografiert und empfangen wie Celebrities, sehen die Menschen in uns die Ankündigung, dass die Touristen zurückkommen. Sie wissen nicht, dass wir nicht die Ersten sind, sondern die letzten, die noch im Land sind. 

Ecuador

6 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Wie schön deinen Bericht zu lesen, unterwegs und gesund. Habe eure Nachrichten richtig vermisst. Wir haben ja auch “ Hausarrest“ hier, es ist sonnig und relativ warm, das Laub der Bäume nimmt aale Farben von gelb bis tiefrot an, die Natur entschädigt die Corona Maßnahmen.
    Allerdings sind die Menschen hier sehr ungeduldig; teilweise mit seltsamem Benehmen. Wir sind ein Volk der Jammernden geworden, nie zufrieden. Auf Reisen habe ich oft die Leute bewundert, die in viel schwierigeren Verhältnissen leben, wie du auch beschreibst und doch viel mehr Gelassenheit ausstrahlen. Die Probleme immer in den Vordergrund zu stellen, aber nicht gesund. Und gesund sollten wir bleiben. Das ist bestimmt nicht die letzte Pandemie. Wie es gehandelt wird, etwas ganz anderes. Wünsche euch viele schöne Erlebnisse. Bleibt gesund.

  2. Hallo liebe Afrikafrau, ja es war ein bisschen ruhig um uns- wir mussten den Rummel erstmal verdauen. Wir waren ein paar Wochen auf den Galapagos Inseln mit unterirdischem Internet und die letzten Wochen sehr viel unterwegs, da blieb neben Schule und Reisen wenig Zeit zum Schreiben. Wir sind natürlich besorgt über die Coronaentwicklung in Deutschland, aber auch ein bisschen befremdet. Tatsächlich sind wir sehr dankbar eine solche Weltkrise hier in Ecuador verbringen zu dürfen. Wir haben viel von den Ecuadorianern gelernt, die trotz Angst, trotz fehlender Unterstützung vom Staat, trotz marodem Gesundheitssystem und existentieller Bedrohung wenig von ihre positiven Grundstimmung eingebüßt haben. Natürlich bekommen wir all das nur sehr oberflächlich mit, aber die Menschen tun was sie können, leisten ihren Beitrag und machen ansonsten das Beste aus der Situation. Bleib auch Du gesund, herzliche Grüße

  3. Oh wie schön, mal wieder von Euch zu hören. Ich habe die Reiseberichte schon sehr vermisst! Zum Glück gab´s ein paar Infos auf Instagram,
    damit wir uns keine Sorgen um Euch machen mussten:)
    Es ist soooo gut von Menschen zu hören/lesen, die trotz aller Schwierigkeiten immer noch unterwegs sind. Das macht mir Mut und Hoffnung, dass wir auch bald wieder unterwegs sein werden.
    Ich wünsche Euch alles Gute und weiterhin guten Mut.
    Bleibt gesund!
    Viele Grüße
    Ute

  4. „Überall werden wir fotografiert und empfangen wie Celebrities, sehen die Menschen in uns die Ankündigung, dass die Touristen zurückkommen. Sie wissen nicht, dass wir nicht die Ersten sind, sondern die letzten, die noch im Land sind.“

    Euer Kommentar ist so wahr und er trifft mitten ins Herz. Mitten in mein Herz jedenfalls, welches seit fast 10 Jahren in diesem Teil der Erde seinen Mittelpunkt hat. Tourismus ist Lebensader, Hoffnung, Stolz und Existenz Vieler hier. Meine Hoffnung liegt in der schier unerschöpflichen Resilienz der Menschen. Ihrer Kreativität und Bereitschaft, sich neu zu erfinden! Danke für das Teilen euerer Eindrücke und Abenteuer, es bereichert mich und sicherlich viele andere auf dieser Welt.

    • Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Ines. Es ist immer schön, den Blickwinkel von Menschen vor Ort zu hören. Die von Dir angesprochenen Resilienz, Kreativität und Flexibilität sind genau die Dinge, für die auch wir die Menschen hier so bewundern. Das zu erleben hat auch unseren Mindset ganz schön beeinflusst. Liebe Grüße und auf ein hoffentlich baldiges Treffen!

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