nach 23 Monaten auf Reisen

19. Juni 2020: Gelb war nie eine meiner Lieblingsfarben- jedenfalls bis zum 1. Juni 2020. Da erliege auch ich der heiteren Strahlkraft, der lauten Aufforderung zur Aktivität, die diese Farbe ausstrahlt. Gelb steht für Schrankenlosigkeit, für Optimismus. Anfang Juni wechselt der Kanton „Ibarra“, in dem sich die Finca Sommerwind befindet, offiziell von „rot“ auf „gelb“. Drei Monate herrschte totaler Stillstand, jetzt im Gelbmodus, stehen die nächsten Lockerungen bevor. Statt nur einmal die Woche, dürfen wir nun drei Mal die Woche unser Quad (oder Roger) bewegen. Die Ausgangssperre gilt erst ab 22 Uhr, weitere Geschäfte, sowie Cafés und Restaurants dürfen öffnen, ebenso der Baumarkt. Es fühlt sich an wie die ersten Frühlingsstrahlen nach einem langen dunklen Winter. Endlich müssen wir unsere Aktivitäten nicht mehr in die Morgenstunden legen, können auch nachmittags spazieren gehen. Mit den neuen Möglichkeiten sprudeln Ideen, wir beginnen wieder zu planen und in die Zukunft zu blicken. Während des Lock-Downs hatte Timm immer wieder eines der Kinder auf dem Quad mitgenommen, mit den Lockerung der Ausgangssperre hätten wir die Möglichkeiten, alle zusammen Ausflüge in die Umgebung zu machen. Theoretisch jedenfalls, denn Roger zu bewegen und jedes Mal alles zusammenzupacken, was nach drei Monaten Dauercampen seinen Platz verlassen hat, ist sehr umständlich. Wir brauchen ein Fahrzeug, das uns alle transportiert. Das Quad allein bietet inzwischen nicht mehr genügend Platz für alle Kinder, Timm, von den Möglichkeiten nun offener Werkstätten und eines Baumarktes beflügelt, plant den Bau einer Kutsche für das Quad. Während die Kleinen sofort begeistert sind, ist Lotta empört „Du glaubst doch nicht, dass ich mit so einem „Choo Choo Train“ mitfahre! Da fehlt ja nur noch ´ne Trillerpfeife und Schaffnermütze…“ Timm  lässt sich nicht abhalten, hat schon am Tag nach der Zeichnung beim KFZ Schlosser das Schweißen des Hängerrahmens in Auftrag gegeben, beim Reifenhändler Kleinwagenräder besorgt, Holz für die Sitzbänke gekauft. 10 Tage nach der Idee steht unser Hänger vor uns und wir machen die erste Probefahrt, mit Lotta selbstverständlich, vorbei an einer Polizeisperre mit fröhlich winkenden Polizisten.

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Wir könnten mit Roger nun an einem Tag losfahren, über zwei Nächte bleiben und dann am übernächsten Tag zurückfahren, ganz legal, ganz der Endziffer unseres Nummernschildes entsprechend. Und doch bin ich zögerlich. Nach den Monaten in unserer „Coronablase“ auf der Finca stehe ich nun wie eine überforderte Tierheimkatze an der offenen Gartentür und kann mich nicht entscheiden zwischen rennen und bleiben. Vielleicht leide ich unter einer Art Stockholmsyndrom, dem Phänomen, bei dem sich Geiseln mit ihrem Entführer identifizieren und kooperieren, was dann so weit geht, dass sie bei einer beendeten Geiselnahme nicht gehen wollen. Plötzlich scheint mir der Aufbruch fast unvorstellbar.

 

 

Die Duschen sind hier so wunderbar warm, die Waschmaschine erleichtert so vieles, das Internet ist unverzichtbar. Ich möchte mir nicht vorstellen, ohne den Hund Lotta zu sein, weiß nicht wie ich klarkommen soll, ohne Katzengemaunze von Sissi, die inzwischen bei uns eingezogen ist, aufzuwachen. Die Lagune ist auf einmal die schönste Lagune der Erde, die Straße, welche um sie herumführt das verlockendste Stück Teer seit Kanadas Highways. Campnachbar Guidos Donnerstimme klingt plötzlich wie Vogelgezwitscher und Hans nicht mehr jeden Tag sehen zu können- bei dem Gedanken schießen mir sofort die Tränen in die Augen. Ein erneuter Abschied überfordert mich gerade. Statt nun mit dem Startschuss loszurennen, tasten wir uns lieber vorsichtig heran, befassen uns als ersten Schritt mit der Planung der Weiterreise: Vorerst reicht uns der Gedanke, theoretisch freier zu sein und mit diesem Wissen, machen wir erstmal weiter wie bisher und wagen einen vorsichtigen Rückblick:

Ruhezeiten und Zwangspausen, so unerwünscht sie manchmal sind, haben für uns bisher jedes Mal positive Veränderungen bewirkt. Wir brauchen Pausen, sie scheinen notwendig, damit Erfahrungen und Gedanken fermentieren können. Die Tatsache, dass wir nun zum dritten Mal auf dieser Reise vor der Entscheidung standen, aufzugeben oder weiterzumachen, und uns immer wieder fürs Weitermachen entschieden haben, verfestigt eine wichtige Erkenntnis: Die Reise soll noch viel weitergehen als bisher gedacht. Vor fast zwei Jahren haben wir sie als Projekt begonnen: Eine Reise von Kiel nach Argentinien, um dann, nach bestandenen Abenteuern wieder Frieden in der Heimat zu finden. Diese Rechnung allerdings ist nicht aufgegangen. Carl sagte neulich: „Ich glaub wir wollen nicht mehr von A nach B, sondern von A nach Z“ und das fasst unser aller Gefühle sehr gut zusammen. Während wir auf unserer Afrikareise ein Ziel vor Augen hatten, uns auf die Ankunft freuten, ist der Gedanke einer Ankunft dieses Mal für die ganze Familie wenig reizvoll. Die Liste der Orte, die wir sehen und erleben wollen wird nicht, wie erhofft, kürzer, sondern immer länger und wir sind alle noch nicht bereit, wieder in unser altes Leben zu schlüpfen. Ankommen ist wie Abschließen, wie Aufhören, wie sitzenbleiben – unmöglich.

Im 23. Reisemonat feiern wir wieder einmal Geburtstag- Lottas 17. Wie jeder Reisegeburtstag stehen wir auch wieder vor der Herausforderung, diesen besonders zu gestalten, trotz fehlender Freunde, trotz sparsamer Geschenke und Möglichkeiten diesen Tag zu einem besonderen Tag zu machen. Geschenke müssen nicht nur sinnvoll und platzsparend sein, wir müssen sie auch irgendwie unter erschwerten Bedingungen besorgen können. Für Lotta kaufen wir eine zusammenfaltbare Staffelei, Airpods (kabellose Köpfhöhrer) und, worüber sie sich am allermeisten freut, total reiseuntaugliche, schneeweiße Nike Sneaker. Selten tragen wir auf dieser Reise Kleidung, die uns ästhetisch gefällt. Hauptsache platzsparend, praktisch und schnell trocknend, inzwischen durch das viele Waschen und die starke Äquatorsonne auch stark ausgeblichen und fadenscheinig. Neue schneeweiße Turnschuhe sind da mehr als ein paar Schuhe. Es ist die Rebellion gegen praktische Blundstone Boots, eine Ode an die Unvernunft, ein Auflehnen gegen herrschende Regeln. Nach einem Schokoladenkuchenfrühstück fahren wir mit dem „Choo Choo Train“ in die 10km entfernte Luxuslodge „Tunas y Cabras“, welche Bekannte von Hans betreiben. Obwohl sie noch nicht offiziell geöffnet sind, empfangen sie uns, verwöhnen uns mit einem köstlichen 3 Gänge Menü, wir dümpeln im Whirlpool, schwitzen im Dampfbad und genießen einen Tag mit herrlichen Blicken am glasklaren Pool.

Und dann beginnen wir, mit der neuen Freiheit unseren Alltag mit kleinen Ausflügen aufzulockern. Wir fahren alle zusammen nach Ibarra, gucken uns zum ersten Mal als Familie die Stadt an. Sie ist wie lehr gefegt, noch immer sind die meisten Geschäfte geschlossen und vor den wenigen die geöffnet sind, steht Sicherheitspersonal mit Spusi- Anzügen, Plastikvisier und Hochdruchspritze, um die Kunden zu desinfizieren. Wir gehen in ein Shoppingcenter, erliegen auch hier nach kurzer Zeit den Sicherheitsvorkehrungen. Sowohl am Eingang als auch an jedem einzelnen Geschäft des Multishoppingkomplexes werden wir ganzkörperdesinfiziert, uns wird die Temperatur gemessen, die Schuhe und die Hände desinfiziert, wir dürfen nur einzeln eintreten, müssen im Geschäft 2m Abstand voneinander halten. Vom Tragen des Mundschutzes wird Max schwindelig, und nach nicht einmal zwei Stunden habe ich, der Shoppen eh ein Graus ist, mehr als genug und möchte zurück in meine Sommerwindblase. Zu Mittag essen wir in einem Pizzahut, müssen uns je zu zweit an drei Tischen verteilen. Auch hier werden wir wieder desinfiziert, wird uns ein Infrarotthermometer an die Schläfe gehalten. Von der Kellnerin sind nur die Augen hinter dem Plastikvisier sichtbar, ich fühle mich wie in einem Hochsicherheitslabor, wie eine Laborratte, unglaublich aussätzig. So, das wird mir in diesem Moment bewußt, wird wohl das Reisen der Zukunft aussehen.

Und dann kommt der Tag, an dem wir wissen wollen, wie es sich anfühlt wieder unterwegs zu sein, erstmal nur zur Probe. Drei Tage brauchen wir, um Roger reisefertig zu machen und bis alles wieder an seinem Platz ist. Wir bauen das Spielzelt ab, das Sonnensegel, der Hänger wird zerlegt und an Rogers Hinterachse verstaut, das Quad wieder in die Garage gefahren und eine Million kleine Dinge wieder in die Schränke und Schubladen sortiert. Als wir dann endlich mit laufendem Motor abfahrbereit an Hans‘ Toreinfahrt stehen, möchte ich am liebsten einen Rückzieher machen und heule, obwohl ich weiß, dass wir wiederkommen, mein T-Shirt nass. Die ersten Kilometer fühlen sich komisch an. Bei jeder Leitung ziehe ich wieder den Kopf ein, habe völlig das Gefühl für Rogers Dimensionen verloren. Auch wenn erstmal nur auf Probe, fühlt sich dieser Aufbruch kein bisschen anders an, als der in Deutschland und in Costa Rica. Traurig, aufregend, ein bisschen gruselig und dann, doch schneller als erwartet, fühlt es sich wieder ganz normal an, unterwegs zu sein.

Ecuador Nach 1,2,3..Monaten

2 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Freue mich mit euch über diese neue vorsichtige Wende und Neubeginn, beeindruckend, was du berichtest, wir lernen immer wieder neu dazu, aus Gewohnheiten ausbrechen oder wieder neu auf eine andere Situation einstellen, diese Flexibilität zu behalten, sehr nützlich, überall anwendbar. Klingt doch wieder positiv und nachträglich noch herzliche Geburtstagsgrüsse, ein besonderer Tag, wird in Erinnerung bleiben.
    Eine Mischung aus kleineren Abenteuern und Ruhephasen hat euch allen jetzt wieder Mut gemacht, dass es weitergehen kann, richtig spannend, daran teil zu haben. Ihr seid wirklich super, schon ziemlich erfahren jetzt auch. Die Katze scheint sehr zufrieden zu sein. lg

  2. Nachtrag : nicht zu vergessen das Meisterstück , eure Kutsche, eine Präzisionsarbeit, einmalig und funktionell, hatte ich vergessen zu erwähnen. Hut ab, handwerklich sehr geschickt, sieht super aus.

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