Glaube, Hoffnung, Lagerkoller!

24. April 2020: Es gibt Tage, da kann ich mir selbst nicht mehr zuhören, da möchte ich mich anschreien, brüllen und toben, um endlich Ruhe vor mir zu haben. Manchmal kann ich mein Bestreben, immer bei allem nach den positiven Seiten zu suchen nicht ertragen. Heute ist so ein Tag. Die letzten Wochen war ich trotz Festsitzen, trotz Ungewissheit und durchaus auch Sorgen immer in positiver Grundstimmung. Drohten mich Angst oder schlechte Gedanken zu übermannen, hab ich mich abgelenkt, habe mich bewusst auf das konzentriert, was gut lief, mir jeden Tag all die Dinge vor Augen geführt, für die ich dankbar sein kann. Derer gibt es viele.

Heute aber, heute habe ich keinen Bock mehr auf dankbar sein, heute möchte ich mal die rosarote Brille weglassen und guten Gewissens alles scheiße finden. Ich finde es scheiße, hier seit 6 Wochen festzusitzen, kann den ewig gleichen, wenn auch schönen Blick nicht mehr ertragen. Ich sehne mich danach, einmal eine Tür hinter mir zuzumachen, eine Tür, die gerne nicht nur die Klotür sein sollte.

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Heute heiratet meine kleine Schwester und ich sitze hier in Ecuador, kann nicht dabei sein. Auch unsere Eltern sind nicht dabei, Lisa und Sascha heiraten allein im Standesamt, haben nicht einmal Trauzeugen. Das hatten sie sich anders vorgestellt, und ich auch. Ich möchte heulen vor Wut und Enttäuschung. Und tue es auch. Seit vielen Wochen verliere ich das erste Mal die Fassung, heule mich wie ein Kind in den Schlaf. Mir fehlt meine Familie, der Gedanke hier nicht wegzukommen, weil kein Flieger mehr geht, weil alle Grenzen zu sind, nicht zu wissen wann sich das ändern wird, ist heute schwer zu ertragen. Normalerweise setze ich in solchen Momenten mein eigenes kleines Unglück in Relation zu dem was viele andere aushalten müssen, was andere bedroht und schäme mich dann dafür, meinen Sorgen ein solches Gewicht zu geben. Heute aber, heute wollen meine Sorgen gesehen werden, heute will meine Wut und Trauer und Hilflosigkeit gespürt werden, heute will ich mir nicht selber sagen, dass es mir so viel besser geht, als Millionen Menschen. Heute will ich ein Recht auf traurig sein haben. Ich will heute in Corona keine Chance sehen. Ich will heute Corona kacke finden, diesen Scheißvirus dafür hassen, dass er meiner Schwester ihre Hochzeit, anderen ihre Existenz und sogar das Leben klaut. Ich weiß, dass die Tatsache nicht reisen zu können, eingesperrt zu sein, ein Luxusproblem ist. Wir sind gesund, zusammen, haben zu essen. Das ist so viel mehr, als andere haben. Und trotzdem bricht heute die Trauer über all das, was vielleicht nicht mehr geht wie eine schwarze Welle über mir zusammen. Unser Reisetraum, wird vielleicht nicht so umsetzbar sein, wie wir es gehofft haben. Wir werden andere Wege und Möglichkeiten finden die Enttäuschung zu überpflastern, aber es wird nicht mehr dasselbe sein. Bisher hatte ich Hoffnung. Heute aber macht diese Urlaub an einem dunklen Ort. Und der einzige Weg, sie wieder raus in die Sonne zu kriegen, ist, mit ihr zusammen in der Dunkelheit zu sitzen und es auszuhalten. Ruhig mal mutlos sein, von tiefem Herzen alles Scheiße zu finden, andere Farben als rosa zuzulassen und nicht wie ein Irrer an einer positiven Grundstimmung arbeiten. „Bis Du heiratest, ist alles wieder gut!“ – das kann ich meiner Schwester nicht mehr sagen. Sie hat geheiratet, ohne mich und nichts ist gut. Jedenfalls bis morgen…

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Ecuador

7 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Oh, was für ein Tag, ja auch solche Tage sind notwendig. Wünsche oder Träume zerplatzen wie Seifenblasen bunt ,schillernd, weg. Katerstimmung, doch ich glaube, diese Tage braucht es auch, um Entscheidungen zu treffen, Risiken abzuschätzen, einzuschätzen, zu hinterfragen, zu scheiden, abzuwägen, eventuell auch zu scheitern sich dies einzugestehen zu können. Die Balance wieder zu finden. Danach befreit zu sein von dem Druck, den man selbst erzeugt hat. Auch dies zu tun, gehört zum Glück. Stolpersteine aus dem Weg zu räumen. Wie auch immer, Die Umstände zwingen uns manchmal dazu.
    Vielleicht ein Wendepunkt.

  2. Du sprichst mir aus der Seele. Es gibt Tage, da scheint alles hoffnungslos und trüb. Dabei müsste es mir doch eigentlich gut gehen. Es ist doch Jammern auf hohem Niveau, wir sitzen zwar in Deutschland fest, haben aber genug zu essen, einen Garten und sind alle gesund. Vielen anderen Menschen geht´s doch viel schlechter…
    Und doch ist diese Coronakrise für mich als freiheitsliebender Mensch eine psychische Krise. Alle unsere Reisepläne sind plötzlich zum Stillstand gekommen. Wie wird es weitergehen?
    Ja, man muss wohl die Betrachtungsweise ändern und darf die Hoffnung nicht verlieren.
    Ich wünsche Euch alles Gute!

  3. Vielen Dank für Deinen Kommentar. Es scheint als gehe es gerade vielen ähnlich, egal in welchem Land sie sind, egal wie die jeweilige Situation ist. Das ist ein kleiner Trost, schafft es doch Verbundenheit. Der einzige Weg ist wohl, nicht so weit zu planen, Tag für Tag das beste draus zu machen. Alles Gute auch in Richtung Deutschland.

  4. Hier in Argentinien packt uns auch nach drei Monaten Stillstand die Hoffnungslosigkeit, die Wut auf den Virus und kämpfen gegen Lagerkoller.

    Was, wenn das aussitzen sich doch nicht lohnt?

    Besonders schlimm ist es auch, wenn man gerade einen Trauerfall in der engsten Familienkreis bekommt und nicht mal persönlich Abschied nehmen kann.

    Kann bitte da jmd schnell die Welt wieder in Ordnung bringen?

    Alles Gute euch nach Ecuador. Ihr schafft das!

    • Lieber Hans, mein Beileid! Das ist nun wirklich der allerschlimmste Moment festzusitzen. Ich hoffe ihr habt für Euch einen Weg gefunden, Abschied zu nehmen. Die Lockdownzeit war echt herausfordernd, bei uns geht es nun langsam bergauf und wir planen die Weiterreise. Ich hoffe Argentinien lockert auch bald ein bisschen. Haltet durch, es lohnt sich! Abrazos

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