Valle de Cocora

(ANFANG MÄRZ 2020) In Kolumbien scheinen viele Herzen zu schlagen. Der UNESCO zufolge schlägt das des „Eje Cafetero“ im „Valle de Cocora“, dem „Cocora Tal“, welches Teil des „Los Nevados Nationalparks“ ist. Im Flusstal des Rio Quindio liegt der Weiler Cocora: einige Restaurants, eine Pferdevermietung, zerstreut liegende Fincas, eine Forellenzucht, ansonsten vor allem Wiesen und jede Menge buntgefleckte Rinder und Pferde. Die Hauptattraktion aber sind steile von Wolken umwobene Gipfel, gegen die sich die zarten Köpfe der Wachspalmen abzeichnen. Nirgendwo ist die Quindio-Wachspalme in größerer Konzentration zu finden als hier. 1801 von Alexander von Humboldt entdeckt, gilt sie mit einer Wuchshöhe von bis zu 60 Metern als die höchste Palmenart der Welt. Ihren Namen erhielt sie aufgrund einer dicken Wachsschicht, welche die Rinde des  erwachsenen Baumes schützt. Bevor er allerdings dieses Stadium erreicht, fällt der langsam wachsende Baum häufig der intensiven Landwirtschaft der zentralen Andenregion zum Opfer. Besonders Rinder fressen die jungen Sprosse, sodass nur noch wenige Palmen das hohe Alter von mehreren hundert Jahren erreichen. Ihr Bestand ist heute stark gefährdet. Seit 1984 ist die Wachspalme der Nationalbaum Kolumbiens und steht unter strengem Schutz.

Es ist schon später Nachmittag, als wir von Salento aus die engen, überwucherten Kurven hinunter ins Cocora Tal fahren. Vor jeder Biegung müssen wir auf Schrittgeschwindigkeit drosseln, hupen, weil uns tief hängende Zweige in die Fahrbahnmitte zwingen, die entgegenkommenden WillyTaxis ihre leuchtenden Farben als Vorfahrtsberechtigung betrachten, Bremsen eher ungern einsetzten. Diese, ursprünglich zu militärischen Zwecken aus den USA importierten RetroJeeps sind besonders hier im Eje Cafetero das beliebteste Transportmittel. Auf ihren Ladeflächen stapelt sich alles von Kaffeesäcken, Maschinenteilen und, als Taxi, auch Menschen von denen die letzten stehend auf den Trittbrettern mitfahren. Ab und zu begegnet uns ein Moped oder ein Fussgänger, ein Mann bringt seine Pferde nach Hause: Jedes der Pferde ist mit dem Halfter an den Schweif des Vorderpferdes gebunden, angeführt wird diese Polonaise vom Moped, an welches das Leitpferd gebunden ist. Die Pferde zicken nicht, scheuen nicht, keines läuft aus der Reihe. Ich denke an die nervösen, sich sträubenden Biester, auf denen ich Reiten gelernt habe und bin sicher, dass die Ruhe des Ortes sich auch auf die Gemüter der hier lebenden Tiere auswirkt.

Wir campen auf dem Parkplatz des einzigen größeren Restaurants am Ende der Straße, dort wo die Teerstraße zur Schotterpiste wird. Im Licht der untergehenden Sonne glühen die Wolken rot, rosa und orange, die Konturen der Wachspalmen werfen schwarze Schatten, über uns türmen sich düstere Gipfel, bewachsen von Nebelwald.

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Wie fast alle, die hierherkommen, wollen auch wir diese faszinierende Landschaft wandernd erkunden. Früh am nächsten Morgen brechen wir auf, 18 km wollen wir schaffen. Wir beginnen den Aufstieg in den Nebelwald an der Graszone wo die Wachspalmen wachsen. Es ist zwar warm, aber der Himmel ist bedeckt, dunkle Wolken hüllen den Wald in Nebel, die zarten Köpfe der Wachspalmen zeichnen sich scharf vor der Wolkenkulisse ab, als wolle uns der Himmel zunächst die eigentlichen Stars der Gegend vorführen. Die Wolken ziehen schnell, verändern die Ausblicke in Minutenabständen.

Als die Sonne sich durch die Wolkendecke schmilzt, wird es schnell warm, wir schwitzen und schnauben den steilen Anstieg herauf. Immer wieder rasten wir an den Aussichtspunkten, picknicken, genießen das Frühlingswetter und Panoramablicke.

Die Wanderung führt auch entlang der Memory Lane: Immer wieder bleiben die Kinder stehen, schnüffeln und erinnern sich: Die Pinien in einem Teil des Waldes riechen nach dem Reiterhof in Südafrika, erinnern an Mc Guyver das einäugige Pony und liebste Pferd auf der Welt. Pinien riechen auch nach dem Teil des Tafelbergwaldes, in dem wir Paulas „Ronja Räubertochter Geburtstag“ gefeiert haben und nach der Bergspitze des „La Maroma“ die wir von Oma Karins Dachterrasse in Spanien sehen können. Pinien riechen auch nach Schweden und erinnern an Blaubeerpfannkuchen und mittsommerliche Mückenschwärme. Klee und Löwenzahn erinnern an Zuhause, der Geruch des rauschenden Eukalyptus an den Weg zur U-Bahn in San Francisco, das Rauschen eines Bächleins klingt genau wie „Hugos Bach“ in Spanien, an dem wir jedes Mal ein Picknick machen, wenn wir Oma besuchen. Dann plötzlich riechen die Pilze und die feuchte Erde nach Kanada, die Farne erinnern an Costa Rica. Die Walderdbeeren schmecken wässrig, lange nicht so gut wie die, welche Zuhause die Gartenwege überwuchern.

Vor wenigen Wochen, das haben wir auf IOverland gelesen, wurden auf diesem Wanderweg zwei Touristinnen gefesselt und sechs Stunden festgehalten, um die PIN Nummern ihrer Kreditkarten zu erpressen. Heute allerdings sitzen Schmetterlinge auf unseren Händen, lecken uns das Salz von der Haut. Kolibris blitzen zwischen den Blüten auf, sind schon weg, bevor die Augen es schaffen scharf zu stellen. Die Vögel singen ein ähnliches Lied wie ihre Artgenossen im heimischen Wald, es ist Sommersprossenwetter. Wir überqueren den Rio Quindio sechs Mal über wackelige Hängebrücken, halten uns an Lianen fest, um nicht abzurutschen. Palmenhohe Farne beschatten unsere Gesichter, von Felsklippen wuchern Lianen und Baumwurzeln, ein Wasserfall rauscht aus dem dichten Geäst. Wir wandern vorbei an Gehöften, wo mollige Kühe wiederkäuend im Gras versinken, wirken, als hätten sie sich in frisch aufgeschüttelte Kissen gekuschelt. Als wir nach 6 Stunden den Ausgangspunkt erreichen, wäre ich am liebsten sofort wieder losgelaufen. Erst als wir bei heißer Schokolade mit Schlagsahne in Roger sitzen, merke ich, wie anstrengend die Wanderung doch war, freue mich über einen entspannten Nachmittag. Der so entspannt nicht wird.

Immer wieder stehen Neugierige vor Roger, befragen uns zu Herkunft und Ziel. Jedes Mal wenn uns Kolumbianer fragen, wie uns ihr Land gefällt, wirken sie nervös und immer fühle ich zentnerweise Steine zu Boden rumsen, wenn ich berichte, wie spannend, abwechslungsreich und landschaftlich schön wir Kolumbien finden. Eine weitere Fuhre lässt die Erde erzittern, wenn wir erzählen, dass die Polizei uns bisher ausnahmslos respektvoll und freundlich behandelt hat. Zwar reisen wir hier nicht so unbefangen wie an anderen Orten, sind uns der schwierigen Sicherheitslage bewusst, fühlen aber lässt uns diese niemand. Für uns Touristen, das sagt man uns häufig, gelten andere Regeln als für Kolumbianer und man freut sich aufrichtig, dass wir bisher nur Positives zu berichten haben. Aber, das wird uns eingebläut, wir sollen nicht unvorsichtig sein. Kolumbien sei wunderschön, aber gefährlich. An diese Tatsache erinnern uns täglich die jungen Soldaten, deren Quartier keine 50 Meter von Roger entfernt liegt. Jede Nacht ziehen sie los in die unwegsamen Berge, patrouillieren. Ihre Gesichter haben weniger Haarwuchs als meine Unterschenkel, sie sind so jung, dass sie Muttergefühle in mir auslösen. Wenn sie abends losfahren, möchte ich am liebsten kontrollieren, ob sie sich warm angezogen haben. Die Berg Schnellfeuerwaffen den sie vor Rogers Eingangstür stapeln, als sie uns besuchen, bringt mich fast zum Heulen und jedes Mal, wenn an Militärkontrollen junge Männer salutieren, die beinahe meine Söhne sein könnten, zieht sich mein Herz zusammen.

Es ist schwer, sich nach 3 Tagen vom Valley zu trennen. Ich werde überrannt von einer Sehnsucht nach Landleben, nach Hühnerstall streichen, nach erdeschwarzen Fingernagelrändern und Kirschkuchen backen. Über den Abschied tröstet uns der Nachmittag in Salento hinweg. Der Ort liegt 11 Km vom Cocora Tal entfernt, gilt als eines der hübschesten Dörfer des Eje Cafetero, wenn nicht gar Kolumbiens und ist ein viel besuchtes Touristenziel. Der Ortskern von Salento ist ein Schmuckästchen der farbenfrohen paísa Architektur. Wir stromern durch die Gassen, lassen uns von Postkartenausblicken verwöhnen, essen zu Mittag Forelle aus dem Cocora-Tal, serviert auf dünnen Patacones (Kochbananenchips). Dann heißt es Abschied nehmen vom Eje Cafetreo. Uns zieht es weiter in den Süden, Richtung Calí und in das Departamiento Valle de Cauca, unserem nächsten Ziel.

Kolumbien

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