Medellin

Medellin, das ist der Jekyll and Hyde unter den Städten. Von kaum einer Stadt haben wir so viel Gegensätzliches gehört und gelesen wie von der zweitgrößten Stadt Kolumbiens. „Ein absolutes Must-See“, „die aufregendste Stadt des Landes“ hören wir oft von jungen Kolumbianern, die wir unterwegs treffen. Eine Stadt wie jede andere lateinamerikanische Stadt sagen andere, vor allem Overlander. Die „Stadt des ewigen Frühlings“ nennen die Kolumbianer sie, weil die Temperaturen hier auf einer Höhe von 1538m selten über 30 Grad klettern oder unter 16 Grad fallen. Weitere Namen sind „Hauptstadt der Berge“ und „Hauptstadt der Blumen“, weil neben Kaffee ein Hauptproduktionszweig der Anbau von Blumen ist.

In der europäischen Presse ist die 2,5 Millionenstadt vor allem im Zusammenhang mit Pablo Escobar und dem Medellinkartell bekannt, war lange ein Synonym für Drogenkrieg. Als Ende der 70er Jahre die Nachfrage von Kokain vor allem in den USA explodierte, bildeten geschäftstüchtige Gangster schnell ein umfassendes Produktions-,Vertriebs- und Transfernetzwerk- das Medellinkartell. Innerhalb von nur 10 Jahren erwirtschaftete das Kartell jährlich mehrere Milliarden US Dollar und seine Mitglieder, allen voran Pablo Escobar, stiegen zu einflussreichen und gefährlichen Männern auf, die Medellin in den folgenden Jahren unter ihre Kontrolle brachten. Schon 1989 wurde das Privatvermögen Escobars auf mehr als 2,7 Milliarden US$ geschätzt, er galt derzeit als der siebt reichste Mann der Welt. Für die Medelliner Jugend wurde Escobar zum Helden. Nicht wenige waren als Handlanger des „patrón“ gern bereit für 10 US$ zu töten, um Teil des Kartells zu sein.

Lange Zeit war Medellin die Mordhauptstadt Kolumbiens, hat sich jedoch in den letzten 10 Jahren gemausert und inzwischen ist die Metropole auf der Rangliste der Städte mit den höchsten Mordraten nicht mehr unter den Top 50 zu finden. Stattdessen wurde sie 2013 vom „Urban Land Institute“ mit dem Preis für die „innovativste Stadt der Welt“ ausgezeichnet, hängte die Mitstreiter New York und Tel Aviv ab. Grund für diesen Innovationspreis sind vor allem die seit 2004 unter dem Bürgermeister Sergio Fajardo Valderrama und seinem Nachfolger Alonso Salazar umgesetzten Maßnahmen, um den Armen der Stadt Zugang zum öffentlichen Leben zu verschaffen.

Medellin liegt im Aburrá-Tal mitten zwischen grünbewachsenen Bergen. Während sich von Nord nach Süd, dem Verlauf des Flusses folgend, moderne Glas- und Betonbauten, Wolkenkratzer, Büro- und Shoppingkomplexe, Luxusappartements und Wohnanlagen erstrecken, wuchern von Ost und West die Armenviertel, drohen in einem Gewirr aus übereinandergestapelten Backsteinhütten, durchzogen von schmalen Gassen und Trampelpfaden, lawinengleich die Innenstadt zu ersticken. Früher war der Weg in die Innenstadt für die 12.000 Bürger der Comuna 13, einem der ärmsten und elendsten Viertel der Stadt ein Tagesausflug, bis 2011 hier die längste Rolltreppe der Welt eingeweiht wurde. Sie überwindet einen Höhenunterschied von 130 m (ca. 28 Stockwerke) und soll den Bürgern den Weg in die Stadt verkürzen. Die Benutzung ist gratis, der Bau hat umgerechnet 5 Mio US$ gekostet, ein geringer Preis für den Nutzen, den die Freilufttreppe der Bevölkerung bietet. Außer der Rolltreppe hat sich Medellin mit weiteren Infrastrukturprojekten zu einer der fortschrittlichsten und lebenswertesten Städte Lateinamerikas entwickelt. So verfügt sie als einzige Stadt Kolumbiens über eine moderne Hochbahn mit insgesamt 42 km Schienennetz und über die Metrocable, ein Seilbahnsystem, welches weitere, über zahlreiche Hügel verstreute Armenviertel mit der Innenstadt verbindet. Weil das Seilbahnsystem jährlich etwa 20.000 Tonnen CO2 einspart, kann die Stadt Emissionszertifikate verkaufen und mit den Einnahmen den weiteren Ausbau sowie den Betrieb finanzieren. Wie auch in Bogota und Cali werden sonntags vormittags Hauptstraßen für Autofahrer gesperrt, gehören dann den Radfahrern, Joggern und Skatern, auf Busbahnhöfen finden kostenlose Zumbakurse statt. Das klingt alles ziemlich vielversprechend und wir freuen uns sehr darauf, diese Stadt zu erkunden.

Wir kommen von Norden. Aus dem Nichts wachsen luxuriöse Appartementanlagen und Architektenvillen aus dem Kiefernwald. Glas, Stahl und gebürsteter Beton verdrängen jede Form provisorischer Bauweise.

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Hölzerne Verkaufsstände weichen riesenhaften moderne Shoppingmalls, wir fühlen uns wie nach Kanada oder in die Schweiz gebeamt. Es ist ein Kulturschock rückwärts. Obwohl Medellin im Nebel liegt und wir nur einen Bruchteil erkennen können, sind wir überrascht über die Ausmaße, über die vielen modernen Hochhäuser, deren Spitzen hier und da durch den Nebel ragen.

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In kurzer Zeit sind wir auf 2500m, bekommen Kopfweh. Auch Roger hat mit der Höhe zu kämpfen, rußt erheblich mehr. Die kühlen Temperaturen aber versöhnen uns- endlich haben wir wieder das Gefühl richtig frei atmen zu können. Der Seitenstreifen ist ordentlich gemäht, kein Fitzel Müll im manikürtem Grün, am Straßenrand werden Erdbeeren und Bratwürste verkauft, wir sind fast ein bisschen euphorisch über den unerwarteten Standard. Was wir noch nicht wissen ist, dass Medellin von Norden nach Süden reich ist, die Armenviertel, die nun versteckt im Nebel liegen von den östlichen und westlichen Seiten auf die Stadt eindrängen.

Unser erstes Ziel ist DHL, um dort wichtige Post in Empfang zu nehmen. Dann machen wir uns auf die Suche nach einem Übernachtungsplatz. Keine einfache Aufgabe. Alle auf IOverland angegebenen Plätze erlauben uns nicht, über Nacht im Truck zu bleiben. Parken ja, Schlafen nein. Wir zahlen zunächst bis 19 Uhr, wollen dann nach Feierabend der Parkwächter auf dem Seitenstreifen direkt unter der Kamera parken, die den angrenzenden Parkplatz überwacht und hoffen auf eine ruhige Nacht.

Die Liste der Sehenswürdigkeiten in Medellin ist lang, jeder bisher hat uns gesagt, dass das die beste Stadt ganz Kolumbiens ist, wir freuen uns riesig darauf, sie zu erkunden. Als wir im Entenmarsch vom Parkplatz marschieren hält mich der Parkwächter zurück. „Bitte nehmt die Kinder an die Hand und lasst sie keine Sekunde aus den Augen. Viel Spaß!“

Leider aber scheint die Stadt uns nicht zu wollen. Als wir endlich die U Bahn gefunden haben, einen Familienpass gekauft haben, den Fahrplan verstanden und am richtigen Gleis stehen, sind die Züge so voll, dass wir mehrere abfahren lassen in der Hoffnung, dass irgendwann die Menschenmassen weniger werden. Leider geschieht das nicht, und nachdem in Europa aufgrund von Corona die Menschen beginnen Abstand zu halten, fühlt es sich falsch an, uns in ein enges Zugabteil zu quetschen. Wir beschließen, mit einem Taxi in die Innenstadt zu fahren, niemand aber will uns zu sechst mitnehmen. Wir teilen uns auf, ich versuche alle Ratschläge des Auswärtigen Amts, in Medellin kein Taxi zu nehmen in den Wind zu schießen.

Bevor ich ein Taxi erreichen kann, ist das gelbe Taxi mit Timm und den Jungen schon im dichten Verkehr verschwunden. Ein alter Mann, gerade im Begriff in das nächste Taxi zu steigen, sieht die Panik in meinem Blick, möchte mir den Vortritt lassen. Da er in dieselbe Richtung möchte, schlage ich vor, zusammen zu fahren, auf unsere Kosten natürlich. Irgendwie fühle ich mich sicherer mit einem weiteren Fahrgast und die Tatsache, dass er mir sein Taxi überlassen wollte, spricht dafür, dass der Herr grundanständig ist. Sagt jedenfalls mein Bauch.

Kurze Zeit später beginnt dieser allerdings zu krampfen. Der alte Herr und der Taxifahrer scheinen über die Strecke in Streit zu geraten. Während der Taxifahrer einsilbig antwortet, unbeteiligt wirkt, wedelt der alte Mann mit den Händen, deutet in verschiedene Richtungen. Ich schicke Timm meinen Live-Standort per Whats App, dieser aber öffnet ihn nicht, langsam werde ich etwas nervös. Angeblich ist es ein äußerst lukratives Geschäft, Touristen in kleine Nebenstraßen zu fahren, um sie auszurauben. Der alte Mann wird laut, fuchtelt, zeigt in die entgegengesetzte Richtung, der Taxifahrer sagt gar nichts, starrt stur geradeaus. Ob es Probleme gibt, möchte ich wissen. Der alte Mann lächelt, der Taxifahrer ignoriert mich, fährt weiter seinen geplanten Weg. Wir befinden uns in einer Einkaufsgegend, noch sind relativ viele Leute um uns herum. Nicht vertrauenswürdig, aber immerhin belebt. Hinter einem Bus kommen wir zum Stehen und gerade, als ich überlege, ob wir hier aussteigen sollen, grinst rechts von mir Timm durch die Fensterscheibe seines Taxis, Daumen hoch. Mein Zeigefinger schnellt einmal von links nach rechts über den Hals, den Stinkefinger verkneife ich mir. Wir kurbeln die Fenster runter, warum er nicht auf sein Handy guckt, ich bin leicht ungehalten.„Oh, vergessen“. Wir fahren nur noch wenigen Meter und als wir uns in der Nähe des Plaza Botero, dem historischen Zentrum Medellins befinden, steigen wir aus. Der alte Herr mit uns.

„Behaltet die Kinder im Auge, passt auf Eure Sachen auf.“ Es sind die ersten Worte, die der Taxifahrer an mich richtet, dann braust er grußlos davon. Der alte Mann weicht uns ab da nicht mehr von der Seite, schleust uns durch Menschenmengen bis er sich am Plaza Botero nur widerwillig von uns verabschiedet. Jeglicher Glas- und Stahlglamour ist verschwunden. Stattdessen bröckelnde Fassaden, Bauchladenverkäufer, auf den Bänken Menschen mit einem Zuviel von allem: zu viel Alkohol, zu viel Drogen, zu viel Leid und Hoffnungslosigkeit. Ich hoffe, dass es an der Nähe der größten zentralen Metrostation liegt, dass es hier ein ähnliches Phänomen ist wie Hauptbahnhöfe. Unser Reiseführer sagt über den Plaza de Botero, dass er „der originellste“ in Medellin sei, 2002 neu gestaltet. Er spricht von Palmen, Blumen, Springbrunnen, Parkbänken, Imbissverkäufern, Geisterbeschwörern, indianischen Tänzerinnen, Feuerspuckern, Schuhputzern, und- als Attraktion- 23 monumentale Skulpturen Fernando Boteros. Immer wieder blicke ich ungläubig auf den Stadtplan, kann nicht glauben, dass wir uns auf dem richtigen Platz befinden. „Museo de Antioquia“, „Palacio de la cultura Rafael Uribe Uribe“, „Iglesia de la Candelaria“, die Einkaufsstrasse „Paseo Junin“, alles scheint sich genau hier zu befinden. Auch ein paar der pummeligen Statuen Boteros kann ich sehen. Adam und Eva haben glänzend gegrabbelte Geschlechtsteile und Brüste, ansonsten aber glänzt hier absolut gar nichts. Ein verwahrloster Mann reißt schreiend sein T-Shirt vom Bauch, entblößt einen vollen Kotbeutel und Gedärme, die aus einem Loch zu quellen scheinen. Zugedröhnte Frauen mit aufgeknöpften Blusen und der Einfachheit halber tätowiertem MakeUp versuchen, verführerisch zu blinzen, entblößen dabei rottende Zähne zu einer schrecklichen Grimasse. Der Griff der Kinder um meine Hand wir fester. Die Bänke sind alle besetzt, von Menschen die augenscheinlich viel weniger stehen können als wir. Eine Gruppe Jungs mit Schirmmützen und dunklen Sonnenbrillen gucken in Lottas Richtung, stoßen sich gegenseitig an und grabschen sich in den Schritt, ein paar andere kommen scheinbar gelangweilt näher. Wohin ich blicke, überall Elend und Verwahrlosung. Ich halte die Hände der Jungen fest, klemme meine Tasche unter die Achseln und blicke zu Timm, der ebenso verkrampft Lottas und Paulas Hand hält. Es ist das erste Mal auf dieser Reise, dass ich mich wirklich unwohl fühle und nur noch einen einzigen Gedanken habe: WEG, SOFORT! So schnell es unauffällig geht, treten wir den Rückzug an, versuchen niemanden zu berühren, als wir Richtung Metrostation gehen. Es riecht nach Marihuana, Scheiße und Müll. Aus dieser Richtung scheint niemand in die Metro einsteigen zu wollen, wir haben viel Platz als wir die 4 Stationen zurück Richtung Norden fahren. Es ist erst 15 Uhr, wir hätten noch Zeit mit der legendären Seilbahn zu fahren, Medellin von oben zu sehen. Keiner von uns aber hat Lust. Es ist wie bei einem Blind Date, bei dem das Gegenüber in den ersten 3 Minuten furzt: Egal was noch kommt, der Eindruck ist versaut. Wir alle sind nicht bereit, Medellin eine zweite Chance zu geben, beschließen schon am nächsten Tag weiterzufahren.

Am nächsten Morgen gehen wir ins Museum of Modern Art, fühlen uns wieder einmal ratlos und unkultiviert, weil uns wie so oft der tiefere Sinn der Exponate nur den Kopf schütteln lässt. Auf dem Weg nach Süden halten wir an einem Shoppingcenter, die Mädchen schwelgen im ersten H&M seit den USA und stellen dann fest, dass sie doch nichts als Unterhosen, Schlafanzüge und Socken brauchen.

Vielleicht lag es wieder an unseren Erwartungen, die viele mit der Aussage gefüttert hatten, dass das eine phantastische Stadt sei. Vielleicht waren wir zur falschen Zeit am falschen Ort. Vielleicht hätten wir Medellin eine zweite Chance geben sollen. Bogota, dass jedenfalls wissen wir nun, werden wir dick und fett von unserem Plan streichen. Uns steht einfach nicht der Sinn nach Städten.

Kolumbien

2 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Kann deine Bedenken und das unheimliche Gefühl nachvollziehen, das Bauchgefühl, Intuition meist ein sehr guter Ratgeber, hat mich auch vor vielen unangenehmen Situationen in Afrika immer wieder geholfen, nicht zu übermütig zu sein. Halte es für sehr sehr wichtig, neben den guten Informationen. Ihr habt durch eure Vorbereitung und durch eure eigene Wahrnehmung doch eine eigene Sichtweise entwickelt. Gefällt mir sehr. Überlegt vorgehen mit unnützen Abenteuern geizen.

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