Cartagena de las Indias

Kolumbien, ist das nicht dort, wo Pablo Escobar sein Unwesen trieb? Kommen von dort nicht all die Drogen die den Rest des lateinamerikanischen Kontinents ins Verderben reißen? Drogenbarone, Guerillakämpfer, Menschenhandel und paramilitärische Gruppierungen, die mordend durchs Land ziehen, daran denken viele zunächst bei Kolumbien. Vielleicht blitzen noch Assoziationen zu Kaffee, zu Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márques, dem Amazonas und indigenen Indianervölkern auf. Wenn es gut läuft. Dabei hat Kolumbien, unser nächstes Reiseland, so viel mehr als den Anschein, den das gewaltlastige Image erweckt, zu bieten.

Den Namen erhielt das Land in Anlehnung an Christopher Kolumbus. Dieser allerdings, hat Kolumbien nie betreten. Entdeckt, jedenfalls aus europäischer Sicht, wurde Kolumbien 1499 von Alonso de Ojeda und Amerigo Vespucci, die ersten kolonialen Stützpunkte waren Santa Marta, und Cartagena de Indias an der kolumbianischen Karibikküste im Norden, nahe der Grenze zum heutigen Panama.

Kolumbien ist der einzige südamerikanische Staat, der sowohl Zugang zum Pazifik, als auch zur karibischen See hat. Nach Argentinien, Brasilien und Peru ist Kolumbien das viertgrößte Land Südamerikas. Die im Norden Kolumbiens legende Sierra Nevada de Santa Marta ist das höchste Küstengebirge der Welt, ihr Gipfel mit 5,776m der höchste Punkt Kolumbiens. Nirgendwo auf der Welt existieren derart hohe Berge so nah am Meer. In Kolumbien, das von Süd nach Nord von drei Gebirgszügen, den Kordilleren durchzogen wird, sind sämtliche Klimazonen vertreten. An der Pazifikküste gibt es Mangrovensümpfe, tropischer Regenwald bewächst die Hänge der Sierra Nevada de Santa Marta und die Landbrücke nach Panama, den Darrien Gap, sowie die Amazonasregion. Die Weiten der Llanos, des Tieflandes, sind dominiert von Busch und Grassavanne, in höheren Lagen wachsen Berg-und Nebelwälder, in den ganz hohen Lagen herrscht alpines Klima. Diese einzigartigen Landschaftsräume und Klimazonen bringen eine Vielfalt zum Teil nur hier vorkommender Tieren und Pflanzen hervor. Kolumbien ist das Land mit den meisten Vogelspezies unserer Erde, allein 80 kommen nur hier und nirgendwo sonst auf der Welt vor, 3500 Orchideenarten wurden bisher entdeckt, Tendenz steigend. Kolumbien ist ein absoluter Biodiversitätshotspot und viele Landesteile, besonders im Osten des Landes sind bisher kaum erforscht.

Und doch ist das Paradies in Gefahr. Der Mensch fräst sich seinen Weg durch das Paradies, zerstört es Stück für Stück, Tag für Tag. Bewaffnete Konflikte, Landgewinnung durch Brandrodung, wachsende Monokulturen, sind nur einige der Gründe für das Schwinden der Naturräume. Zwar setzen sich der Staat, NGO s und Privatleute für den Erhalt der Natur ein (11% der Landfläche Kolumbiens ist heute als Naturreservat ausgewiesen), doch wo Mittel zur Kontrolle fehlen, existieren viele dieser Gebiete lediglich auf dem Papier. Wir sind sehr gespannt auf dieses widersprüchliche, artenreiche und spannende Land, freuen uns darauf, es einmal von Norden nach Süden zu durchfahren.

Das Erste, was wir von Kolumbien sehen, ist ein heller Leuchtstreifen am Horizont, als wir uns mit der Santana noch vier Segelstunden von der Hafeneinfahrt Cartagenas befinden. Paula und ich sitzen an Deck, unsere Mägen haben Schwierigkeiten, das Auf und Ab der Wellen zu verkraften. Nach fast 30 Stunden ohne Land in Sicht ist der senffarbene Schimmer wahrlich ein Lichtblick, endlich wieder eine sichtbare Horizontlinie, etwas auf das wir uns konzentrieren können, damit unser Gleichgewichtssinn keine Kapriolen schlägt.

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Das allerdings tut er, als wir am nächsten Morgen Land betreten, auch dann noch, als wir von unserem Hochhausapartment im Stadtteil Bocagrande auf die schimmernden Wellchen von Cartagenas Hafen blicken. Der Boden schwankt, wir fühlen uns flau. Teils, weil unser Gleichgewichtssinn noch auf schaukelnden Boden eingestellt ist, teils, weil unser Herz sich gegen den Abschied von unserer „Santana-Familie“ wehrt. Roger, diese Botschaft erreicht uns ebenfalls, sobald wir wieder festen Boden unter den Füssen haben, wird einen weiteren Tag Verspätung haben, ist derzeit noch immer in Panama. Wir werden also fast eine Woche Zeit haben, Cartagena, die angeblich schönste Kolonialstadt Südamerikas zu entdecken.

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Cartagena, „die schöne Alte“, „die Perle der Karibik“, sei sinnlicher, romatischer, geheimnisvoller als all ihre Schwestern. Seit ich Gabriel García Márquez „Liebe in den Zeiten der Cholera“ gelesen habe, trage ich dieses Bild der sinnlichen, dampfenden, betörenden Stadt in mir. Umso überraschter bin ich, als das Erste, was wir erblicken, die beleuchtete Skyline einer amerikanisch anmutenden Großstadt ist. Cartagenas Sinnlichkeit, die hatte ich mir weniger phallisch vorgestellt.

 

Um sie von der Namensgeberin, der Stadt Cartagena in Spanien zu unterscheiden, lautet ihr voller Name „Cartagena de las Indias. Dieser wird aber zumindest lokal nur selten verwendet. Seit 1984 trägt sie den Titel UNESCO Weltkulturerbestätte, ist Kolumbiens meistbesuchte Stadt. Fast täglich legen hier Kreuzfahrtschiffe an, bis zu drei zur Zeit zählen wir vom Balkon unseres Appartements im 20. Stock. Und doch verteilen sich die Touristenmassen in einer erträglichen Dichte. Zu vielseitig sind die Möglichkeiten diese Mutter aller Städte auf dem südamerikanischen Kontinent zu besichtigen.

Das Herzstück der Stadt, das, was viele meinen, wenn sie von Cartagena sprechen und das die meisten Touristen besuchen, ist „El Centro“. Paläste in allen Schattierungen von Elfenbein bis Ocker, kunstvoll geschnitzte, Bougainvillea überwucherte Balkone, Arkadengänge, palmbeschattete Innenhöfe mit Wasserspielen, Kirchen, Klöster, Edelrestaurants und Designerläden, schattige Parks auf deren Bänken greise Herren Zeitung lesen oder Domino spielen, sonnenbeschienene Plazas auf denen die Kleider der Palenqueras mit den Obstkörben auf ihren Köpfen um die Wette leuchten, über die am Abend das Geklapper der Pferdekutschen halt, die Touristen durch die engen Gassen fahren. Hier verbringen wir ganze Tage und Abende, genießen köstliches Eis, lauschen den Gitarren spielender Studenten, sind ein wenig genervt von den penetranten Schmuckverkäufern und können doch nicht genug bekommen von diesem bezaubernd restaurierten Altstadtkern, in dem jeder Stein Geschichten zu erzählen scheint.

San Diego, der Stadtteil der etwas nordöstlich, ebenfalls innerhalb der 11km langen, 450 Jahre alten Stadtmauer liegt, erscheint ein bisschen weniger prunkvoll, etwas bunter in keiner Weise aber weniger charmant. Hier begegnet man tatsächlich hin und wieder einem unrestaurierten Kleinod und jedes Mal bleiben wir stehen, beginnen zu phantasieren, zu planen und uns auszumalen, wie wir hier loslegen würden, wäre es bezahlbar.

Etwas bunter, weniger gediegen geht es im Stadtteil Getsemaní zu. Einst das Wohnquartier der kleinen Leute, der Handwerker und Schankwirte, befinden sich hier heute ein Großteil der kleinen Boutiquehotels, Hostels und Backpackerunterkünfte. Nachts tobt hier das Leben in den Bars und Diskotheken, tagsüber leuchten die Fassaden der hübschen Häuschen, Wimpelketten und Wandmalereien mit den Gesichtern der fotografierenden Besucher um die Wette.

Wenn wir am Abend von unseren Streifzügen nach Hause kommen, zurück in das geordnete, vornehmlich weiß gestrichene, von modernen Wolkenkratzern bestimmte Bocagrande, von unserem Balkon über die Skyline blicken, dann freuen wir uns über die Weite, über den Platz, der im Kopf entsteht, wenn man von oben auf das Gewusel blickt. Es ist genau der richtige Ort, um uns auf den neuen Kontinent vorzubereiten. Wir fühlen uns unbesiegbar, so unbesiegbar wie die Stadt zu unseren Füssen.

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Viele Male in ihrer Geschichte wurde sie von Seeräubern überfallen, ausgeraubt, hat man versucht sie zu unterwerfen. Cartagena galt lange Zeit als das Verbindungstor zwischen Europa und der neuen Welt. Von hier aus wurden die Schätze der indianischen Kulturen nach Europa verschifft, hier wurden Waffen, Pferde und Rüstungen entladen, von hier wurden afrikanische Sklaven weiterverkauft, hier war der Ausgangspunkt der europäischen Raubzüge ins Inland. Als die Spanier die Plünderungen ihres Kolonialhafens satthatten, begannen sie mit dem Jahrhunderte andauernden Bau einer aufwändigen Befestigungsanlage, die bis heute fast vollständig erhalten ist. Eine Mauer unter der Wasseroberfläche verschließt die Hafeneinfahrt des Bocagrande, sodass feindliche Schiffe gezwungen waren, die kleinere durch Forts gesicherte Zufahrt „Boca Chica“ zu nutzen. Hielten die Schiffe dem Beschuss der Forts an der Boca Chica stand, mussten sie die Festungsanlage „Castillo de San Felipe“ bezwingen. Es ist das größte Fort, das die Spanier während ihrer Herrschaft in Lateinamerika errichteten, gilt als Musterbeispiel spanischer Militärbaukunst. Der letzte, der versuchte, Cartagena einzunehmen war der englische Vizeadmiral Edward Vernon, der 1741 mit einer Armada von 20.000 Mann und einer Flotte von 186 schiffen vor der Küste Cartagenas auftauchte. In einem fast 70 Tage dauernden zähen Kampf gelang es dem spanischen Admiral Blas de Lezo y Olavarrieta, auch genannt „der Halbe Mann“, da er nur noch über ein Auge, einen Arm und ein Bein verfügte, die englische Flotte zum Rückzug zu bewegen. Und das, obwohl ihm nur sechs Fregatten und nicht mehr als 3500 Soldaten zur Verfügung standen. Zwar verlor er in dieser Schlacht sein zweites Bein und nur vier Monate später infolge dessen auch sein Leben, der Ruhm Cartagenas als “unbesiegbare Stadt“ aber ist für alle Zeiten fest mit seinem Namen verbunden.

Eine unbesiegbare Stadt, eine der schönsten Kolonialstädte Lateinamerikas, ein Fest für die Sinne sind die ersten Eindrücke, die uns in Südamerika empfangen. Wenn das kein gutes Omen ist.

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